Zukunft von Wirtschaft und
Gesellschaft in Russland
Vortrag von Prof. Dr. Wladimir
Maslow, Lomonossow-Universität Moskau
am 17.3.2003 im Institut für Zukunftsstudien und
Technologiebewertung Berlin,
(Notizen zusammengestellt von Bertram Köhler)
Folgende Kennziffern
charakterisieren den katastrophalen Zustand von Wirtschaft und
Gesellschaft im heutigen Russland:
- Anteil an der Weltproduktion
von 6% (1990) auf 0,6% gesunken
- Ausgaben für Wissenschaft
von 5% (1990) auf 0,3% gesunken
- 80% der Mathematiker und ca.
50% der Wissenschaftler anderer Gebiete sind
ausgewandert, insgesamt sind 800000 Wissenschaftler
ausgewandert
- 60% der verbrauchten
Lebensmittel werden importiert
- 34 Millionen Menschen leben
unter dem offiziellen Existenzminimum
- 10% der reichsten Menschen
haben ein 15 mal höheres Einkommen als 10% der ärmsten
- die Minimallöhne verhalten
sich zum Durchschnittslohn wie 1:15
- Die Arbeitslosigkeit beträgt
offiziell 13% und inoffiziell 25%
- Der pro Kopf verbrauch von
reinem Alkohol liegt bei 18 Liter/Jahr
(Gesundheitsschädigung beginnt bei 8 Liter/Jahr)
- Suizidrate bei 42 pro 100000
Einwohner (3 im Jahr 1910, wahrscheinlich 10 in
Sowjetzeit)
- Das Produktionsniveau für
Textilien entspricht dem des Jahres 1910, für Fleisch
1953, für Butter 1956, für Papier 1969, für Schuhe
1900, der Rinderbestand dem von 1885
- Die Produktionsgrundfonds
sind zu 70% physisch verschlissen
- Wegen niedriger Geburtenrate
und hoher Auswanderung sinkt die Bevölkerungszahl um
jährlich eine Million
- Mit dem Amtsantritt von Putin
gelang seit 1999 eine Produktionssteigerung von 30%,
verlangsamte sich aber von anfangs 10%/Jahr auf 3%/Jahr.
- Das Ansehen des anfangs
beliebten Präsidenten Putin ist stark rückläufig
- Bis zum 8.4.2002 wurde als
Hauptziel der Wirtschaftspolitik die weitere
Liberalisierung der Marktwirtschaft und die Reduzierung
staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft proklamiert, seit
dem stehen die Entwicklung von Wissenschaft, Technologie,
Bildungswesen und Landwirtschaft im Mittelpunkt
- Die von nationalistischen
Parteien über liberale, sozialdemokratische bis zur
kommunistischen Partei getragene oppositionelle Bewegung
der patriotischen Front ist im Anwachsen und fordert
- Nationalisierung der
Alkohol- und Tabakindustrie, der Brennstoff- und
Energiewirtschaft, der Metallurgie, Chemie und
Rüstungsindustrie
- Das Steuersystem
müsste total reformiert werden. Von der
Zentralregierung, von Regionalverwaltungen und
von Kommunen werden unabhängig voneinander 44
verschiedene Steuern und Abgaben gefordert, so
dass z.B. auf Unternehmergewinne theoretisch
insgesamt 115% Abgaben gezahlt werden müssten,
was in der Praxis natürlich gar nicht möglich
ist und durch die Zahlung von Schmiergeldern
umgangen wird.
- Jeder muss ohne
Belege Schmiergelder als "Schutzgeld"
zahlen, sonst geht er bankrott. Die Schmiergelder
werden faktisch von 8 großen kriminellen
Organisationen eingetrieben und zu 20 % an die
Polizei und zu 20% an die staatlichen
Verwaltungen weitergegeben, um die Zahler vor
deren Zugriff zu schützen.
Der Referent charakterisierte die
russische Gesellschaft trotz noch vorhandener staatlicher
Betriebe als weder kapitalistisch noch sozialistisch, sondern als
eine feudale Gesellschaft, aus der jeder regionale Machthaber aus
seiner Region herauszuholen versucht, was nur irgend geht. Er gab
dieser Gesellschaft nur dann eine Zukunftschance, wenn es
gelänge, die 4 Hauptstaaten der GUS (Russland, Ukraine,
Belorussland und Kasachstan) wieder zu einer
Wirtschaftsvereinigung zusammenzuschließen, um die aus
sowjetischer Zeit noch vorhandenen Disproportionen sinnvoll
nutzen und damit der Europäischen Union als interessanter
Partner gegenübertreten zu können.