| Aktionen der Werkstatt für Zukunfts-Forschung und Gestaltung (WZFG) e.V. Berlin-Buch - Stand: Oktober 2001 |
Stellungnahme zu Folgen und Konsequenzen der Terroranschläge auf die USA
Mit großer Sorge beobachten wir, daß die Reaktionen von Entscheidungsträgern, Medien und Öffentlichkeit auf das Attentat in den USA weitgehend dem uns allen angeborenen steinzeitlichen Verhaltensmuster "Gruppenaggression" entsprechen, seiner Auslösung bzw. Aufrechterhaltung entgegenkommen. Schlimme Folgen sind bereits eingetreten. Verbreitetes Wissen um Einzelheiten dieses Reaktionsmusters ist nach unserer Einschätzung die bisher ungenügend erfüllte Voraussetzung dafür, daß die Gesellschaft den gefährlichen Wirkungen dieses Reaktionsmusters entkommen und für die Zukunft taugliche Strukturen und Regeln ihres Zusammenlebens entwickeln kann.
Wir möchten durch unsere öffentliche Stellungnahme dazu beitragen, daß mehr Menschen durch Wissen um die Zusammenhänge die Fähigkeit gewinnen, Symptome dieses Reaktionsmusters bei sich selbst und anderen zu erkennen und in der aktuellen Situation mit Vernunft und Weitsicht zu reagieren. Wir unterbreiten Denkangebote für zukunftstaugliche Antworten auf Terrorismus.
Hinweis: Einzelne Textpassagen sollten erst beurteilt werden, nachdem der ganze Text gelesen und verstanden wurde. Wir möchten uns von vornherein gegen jede aus dem Zusammenhang gerissene Deutung einzelner Teile dieser Stellungnahme verwahren.
1. Gruppenaggression, Irrationalität und Rationalität - was sollte jeder darüber wissen?
1.1 Verhältnis von Irrationalität und Rationalität
In uns allen ringen ständig und oft unbewußt angeborene (irrationale) und rationale (aus klarem Denken erwachsende) Impulse um die Führung unseres Verhaltens. Rationale Verhaltensmuster können irrationale für sich in Dienst stellen und umgekehrt. Außerordentlich bedenklich ist es, wenn unser irrationales Verhaltensmuster "Gruppenaggression" die Führung übernimmt. Boshaft verkürzt: Nicht unvermeidbar aber allzu leicht macht es dumm und klug zugleich, indem es zuvorderst führende Köpfe ergreift, Klugheit für den Dienst an Dummheit aktiviert, Mehrheiten damit "infiziert" und nichtinfizierte Minderheiten diskriminiert. Im einzelnen:
1.2 Auslösung von Gruppenaggression
Gruppenaggression ist kein Trieb, der unbegründet Befriedigung verlangt. Sie ist ein hocheffektiver komplexer Bündelungsmechanismus der Gruppenkräfte zur Abwehr eines Feindes. Voraussetzung für Auslösbarkeit einer Gruppenaggression ist die mehrheitliche Wahrnehmung einer Bedrohung der Gruppe - unabhängig von deren Richtigkeit (das eröffnet Möglichkeiten zur Manipulation). Auslösendes Signal ist ein (tätlicher oder verbaler) Angriff des Führers, mit dem er auf den (tatsächlichen oder vermeintlichen) Feind verweist. Die Auslösungswirkung ist umso stärker, je klarer dabei ein Feind personifiziert wird. Die Bündelungswirkung einer anonymen, nicht personifizierbaren Bedrohung ist geringer.
1.3 Eigendynamik des Gruppenaggressionsverhaltens
Wahrnehmung von Bedrohung und Angriffssignal setzen in der Gruppe eine Eigendynamik in Gang: Es kommt zu einer "ansteckenden" aggressiven Solidarisierung innerhalb der Gruppe und mit dem Führer gegen den "Feind" (was mißbräuchlich genutzt werden kann). Vernunft und Menschlichkeit werden dabei automatisch abgeschaltet. Ungehemmte Grausamkeit gegenüber dem Feind und Unzugänglichkeit der "Angesteckten" für humanitäre und rationale Argumente sind die Folge. "Nichtangesteckte" Außenseiter werden von der Gruppe vehement verstoßen (auch das ist missbrauchbar). Wer sich gegen eigene Überzeugungen der Gruppe anschließt, erlebt ein berauschendes Hochgefühl der Gruppenverbundenheit, wer sich aus innerster Überzeugung verweigert, leidet eher unter Gewissensbissen, seine Gruppe im Stich gelassen zu haben - Folgen eines angeborenen Hormonreflexes. Am Ende des eigendynamischen Geschehens ist die Gruppenmehrheit in einen Zustand besinnungsloser Feindabwehr versetzt. Eine erfolgende Gruppenaggression setzt eine über die Gruppe hinausgehende Eigendynamik in Gang, indem sie den Angegriffenen nach dem gleichen komplexen Muster zum Gegenangriff veranlaßt und umgekehrt. Alle diese Einzelerscheinungen sind zu einem "Syndrom" verbunden, d.h., sie können einzeln, in Kombinationen und mit unterschiedlicher Intensität auftreten - wie die Symptome eines Krankheitssyndroms.
1.4 Gesellschaftliche Verstärkung der Gruppenaggression
Das angeborener Weise zunächst auf kleine nichtanonyme Gruppen beschränkte Phänomen wird durch typisch gesellschaftliche Umstände verstärkt: Durch die soziale Schlüsselerfindung "Führungshierarchie" kann es fast unsere gesamte anonyme Massengesellschaft erfassen. Konkret: Alle Staatsführer bilden eine Gruppe, die sich durch das Signal des Weltmachtführers weitgehend hat anstecken lassen. Sie leiten die Ansteckungswirkung an rangniedere Führer weiter, bis sie bei der Masse mehr oder weniger ankommt. Unstimmigkeiten zumindest zwischen Teilen der Basis und ihren Führern bleiben bestehen. Der Ansteckungsprozeß wird durch moderne Massenmedien noch zusätzlich verstärkt: Sie haben mit schockierenden Bildern die Bedrohungswahrnehmung weltweit ebenso verbreitet wie die ersten verbalen und "tätlichen" Signale des amerikanischen Präsidenten. Die Wirkung moderner Waffen auf Distanz mindert die Hemmschwelle für ihren Einsatz. Ihre hohe Schlagkraft verstärkt die Wirkung und Rückwirkung einer erfolgten Gruppenaggression ganz außerordentlich.
1.5 Irrationalität der Gruppenaggression
Verschiedene irrationale Momente machen Gruppenaggression zu einem äußerst gefährlichen Verhaltensmuster: Ausgerechnet in Situationen, in denen Vernunft und Menschlichkeit besonders gefragt wären, beeinträchtigt es gerade diese typisch menschlichen Eigenschaften. Ausgerechnet Führungspersonen, auf deren Vernunft es besonders ankäme, werden davon zuvorderst ergriffen und können außerdem noch versucht sein, das Muster machtpolitisch zu mißbrauchen (s.u.). In gefährlicher Eigendynamik erfaßt es Mehrheiten, führt zum Verstoß ausgerechnet besonnen gebliebener Minderheiten, deren Einfluß für die Gruppe von höchstem Wert sein könnte, und es droht in nicht beherrschbarer systemischer Eskalation zu enden. - Wiederum bösartig verkürzt: In angeheizter Situation wäre es klüger, infizierten Staatenlenkern die Lizenz zu entziehen und die Führung bei Verstand gebliebenen Minderheiten anzuvertrauen.
1.6 Mißbrauchbarkeit der Gruppenaggression
Das angeborene Verhaltensmuster Gruppenaggression bietet Führungspersonen verschiedene Möglichkeiten, es bewußt für unterschiedliche Interessen auszunutzen. Die Manipulierbarkeit der Bedrohungswahrnehmung, der Solidarisierungseffekt, die Abschaltung von Vernunft und Mitmenschlichkeit, die Außenseiterreaktion bieten dafür zahlreiche Ansatzpunkte - z.B. um eine wackelige Führungsposition zu festigen, von inneren Problemen abzulenken, unliebsame Personen zu dennunzieren, wirtschaftliche Interessen - insbesondere der Rüstungsindustrie - durchzusetzen oder Ursachen einer erlittenen Aggression zu verdrängen.
2. Distanzierte Sicht auf einige Aspekte des aktuellen Geschehens
2.1 Historische Lektion und deren Verdrängung
Die ersten Signale des USA-Präsidenten und anderer Staatsmänner auf den Terroranschlag vom 11.9. waren offenbar eher irrational als rational gesteuert, was menschlich durchaus verständlich, für den weiteren Verlauf aber verhängnisvoll ist:
Genau genommen handelt es sich bei den Anschlägen keineswegs - wie formuliert - um einen "Angriff auf unsere moralischen, demokratischen und wirtschaftlichen Werte" oder gar eine "Kriegserklärung an unsere gesamte Zivilisation" sondern um einen mit verbrecherischen Mitteln vorgetragenen Hilferuf und um eine legitime Forderung nach Teilhabe an diesen zivilisatorischen Werten.
Die gebrauchten Formulierungen wirken gruppenaggressionsauslösend und verschleiern massiv den wesentlichsten Inhalt der erschreckenden Lektion, die wir in allen hochentwickelten Ländern aus dem Ereignis zu lernen hätten: Daß nämlich in unserer hochtechnisierten und dadurch sehr verletzlichen globalisierten Welt die Begleichung einer kollektiven historischen Schuld nicht nur legal eingefordert (z.B. Entschädigungen für vergangene Sklaverei), sondern unvermeidbar und jederzeit auch verbrecherisch gesühnt werden kann. Die Schuld besteht darin, daß durch mehr oder weniger alle heute hochentwickelten Länder in vielen unterentwickelten, besonders den islamischen Ländern, seit langem undemokratische Regime toleriert oder sogar gefördert werden, die zum Schaden ihrer eigenen Bevölkerung und zum gern gesehenen Vorteil der hochentwickelten Länder agieren. Zu der Lektion gehört auch die Erkenntnis, daß gewaltbereiter Fundamentalismus an sich nicht die eigentliche Gefahr darstellt. Sie besteht vielmehr in den realen Umständen, die ihm die Möglichkeit bieten, sich mit völlig legitimen Forderungen nach Demokratie, sozialer Gerechtigkeit und moralischer Politik zu verbinden und dadurch überhaupt erst in vielen Köpfen eine Basis zu gewinnen.
Daraus folgt als menschenwürdige, ursächlich greifende und damit zukunftstaugliche Antiterrorstrategie: Herstellung einer demokratischen und sozial gerechten Weltordnung, Verzicht auf die bisherige Übervorteilung anderer Völker - eine äußerst erschreckende Erkenntnis für alle Vorteilsnehmer, die eine ebenfalls angeborene Verdrängungsreaktion aktiviert: Es wird alle Intelligenz aufgeboten, um daran vorbeizukommen. Dem entspringt z.B. das wahrhaft "schlagende", aber völlig unsinnige "Argument", mit der Benennung dieser historischen Schuld würde das geschehene Verbrechen legitimiert. Auch die völlig falsche Deutung des Geschehens als "Angriff auf unsere Zivilisation" gehört dazu. Es war ein "Angriff auf die Unzivilisiertheit" unserer sogenannten Zivilisation. Daß der Angriff ein Verbrechen war liefert den "intelligenten" Ansatzpunkt, diese Unzivilisiertheit vergessen zu machen.
2.2 Wahrnehmungsverzerrungen
Wir sollten uns in den westlichen Ländern erheblicher Wahrnehmungsverzerrungen bewußt werden: Seit Ende des kalten Krieges sind in den armen Ländern, wie z.B. Afghanistan, 200 Millionen Menschen durch Hunger und vermeidbare Krankheiten umgekommen. Das war langweiliger medienuntauglicher Alltag. Die Zahl der jetzt vom Hungertod bedrohten Afghanen übersteigt die Zahl der Opfer von New Yorck und Washington um grob das Hundert- bis Tausendfache! Braucht das reichste Land der Welt jetzt wirklich internationale materielle oder finanzielle Hilfe, wenn es Unsummen für eine äußerst fragwürdige Strafaktion bereit ist auszugeben?
2.3 Fragwürdiges Profilierungsritual
Angesichts der Missbrauchbarkeit von Gruppenaggression sollten wir bedenken, daß politische Führer in "wackeliger" Position und politisch einflußreiche Rüstungsindustrie generell potentielle Interessenten und Kooperationspartner sind, bei sich bietender Gelegenheit den Soli-darisierungseffekt der Gruppenaggression innenpolitisch, wirtschaftlich und geopolitisch zu nutzen. Wir sollten rekapitulieren, daß es gerade in den USA fast ein eingespieltes Ritual zu sein scheint, einem Präsidenten erst dann volle Zustimmung zu gewähren, wenn er in einer "Bewährungssitutation" militärische Stärke demonstriert und Weltmachtinteressen gesichert hat. - Auch ein Kanzler und seine Partei, die ihr wesentlichstes Wahlziel verpassen, könnten versucht sein, durch gruppenaggressive Solidarisierung zu punkten.
2.4 Rationalität im Dienst irrationaler Reaktion
Von rationalen und humanistischen Impulsen, die auf eine gerechtere Weltordnung zielen, sind die bisherigen verbalen Äußerungen und prompt ergriffenen Handlungsoptionen der USA und ihres Präsidenten sowie der Verbündeten frei. Was bisher an nichtmilitärischen Maßnahmen eingeleitet wurde ist z.T. sicher sinnvoll, greift aber um vieles zu kurz. Alle bisher nur scheinbar "überraschend umsichtigen" Vorbereitungen für eine Militäraktion dagegen und ihre Ausführung scheinen nach wie vor doch durch den irrationalen Wunsch nach Vergeltung dominiert zu sein und nicht durch wirklich vernünftiges Nachdenken: Noch ehe überhaupt ein einigermaßen sinnvolles Ziel benannt werden konnte, wurde ein riesiger Militärapparat in Gang gesetzt. Terroristen diesen Kalibers leben nicht konzentriert in angreifbaren Lagern sondern verstreut an Universitäten. Mit unverkennbarer Hektik wurde ein loka-lisierbarer Feind personifiziert. Durch die bloße Drohgebärde waren bereits ohne eine einzige Bombe Millionen Menschen, die sich zur Flucht genötigt sehen, vom Tod durch Hunger und Kälte bedroht. Es gibt hohe Risiken für eskalierende militärische Konflikte und Destabilisierung einer ganzen Region, in der es Atomwaffen gibt. Sympathien für eine Antiterrorallianz werden gerade durch Militärschläge verspielt. Mit allzu durchsichtigem propagandistischem Zweck werden Hilfsgüter abgeworfen. Was ist, wenn die anscheinend viel nüchterner denkenden Terroristenführer gerade solche Militärschläge bezweckt hätten, um dadurch ein ganzes Heer diffus verteilter "Schläfer" aktivieren zu können?? Die wenigsten dürften bisher enttarnt sein - ein enormes, in keinster Weise abschätzbares Risiko für die gesamte Welt mit hohen Folgekosten. Was hat das mit Vernunft, Menschlichkeit und weiser staatsmännischer Verantwortung zu tun?!
2.5 Entscheidend: die ersten Reaktionen
Für die Auslösung eskalierender irrationaler Wirkungen der Gruppenaggression sind die ersten Reaktionen der Führer entscheidend. Wir müssen jetzt eine Eigendynamik befürchten, die den beteiligten Regierungen und Parlamenten - selbst bei sich verändernder Einsicht - einen Rückzug ohne herben Gesichtsverlust erheblich erschwert. Dafür sorgt vor allem in den USA, aber nicht nur dort, die irrationale Solidarisierungswirkung der einmal ausgelösten Gruppenaggressionsstimmung: Obwohl der Präsident nur durch ein abstruses Wahlsystem zur Macht gekommen ist und umgehend Allgemeinheitsinteressen zuwider laufende politische Wendungen vollzogen hat, genießt er plötzlich hohe Zustimmung. Die Mehrheit der Amerikaner hat nach seinen vorschnellen Vergeltungsdrohungen ein militärisches Vorgehen erwartet und befürwortet. Präsident und militärisch-industrieller Komplex im Verein könnten davon profitieren. Wieweit es den tatsächlichen Sicherheitsinteressen des amerikanischen Volkes, der mitinfizierten Europäer oder gar islamischer Völker dient, muß als äußerst fraglich gelten.
2.6 Dankbarkeit und Partnerschaft
Dankbarkeitsverpflichtung gegenüber den USA sollten wir differenzierter beurteilen als vielfach geschehen: Dankbarkeit schulden wir ohne Zweifel dem amerikanischen Volk, das zu unseren Gunsten Opfer gebracht hat. Ihm gilt auch unser tiefes Mitgefühl. Dankbarkeit gegenüber den USA als "weltpolitischem Akteur" ist etwas anderes. Westdeutschland fungierte schließlich als "Brückenkopf" im Kalten Krieg. Genügend Beispiele zeigen, daß die USA nur dort helfen, wo es eigenen Weltmachtinteressen entspricht. Warum z.B. konnten die USA ihre Schulden bei der UNO erst nach den Terroranschlägen so plötzlich begleichen??
Auch Freundschaft und Bündnispartnerschaft sollten differenzierter gesehen werden: Solidarität mit einem Volk muß nicht gleichzeitig Solidarität mit seinem Präsidenten bedeuten. Die wahren Interessen eines Volkes müssen auch nicht seiner aktuellen Gestimmtheit entsprechen, zumal wenn diese durch ein schockierendes Ereignis und die Reaktion seines Präsidenten manipuliert ist. Wahre Freundschaft und Partnerschaft bestünde dann nicht in bedingungsloser Unterstützung sondern vor allem in kritischer und verständnisvoller Beratung. So darf den USA der Hinweis nicht erspart bleiben, daß sie äußerst erfolgreich einem besonders berechnenden Pragmatismus gefolgt sind, und sie gerade das in den Augen der Terroristen als Ziel prädestiniert haben dürfte.
2.7 Vergleichbarkeit der Reaktionsmuster
Ineinandergreifen von Rationalität und irrationaler Gruppenaggression kann übrigens nicht nur die Reaktionen auf die Attentate sondern auch diese selbst erklären: Egal, wieweit ihre Wahrnehmung gerechtfertigt ist - eine Gruppe sieht sich durch einen von ihrem Führer gewiesenen Hauptfeind USA bedroht. Irrationales solidarisches und ungehemmt grausames Gruppenaggressionsverhalten ist dadurch ausgelöst und motiviert einen höchst rationalen Attentatsplan. Der angeborene störende Lebenserhaltungstrieb der Attentäter wird umgekehrt durch rationale Beeinflussung bzw. Selbstbeeinflussung ausgeschaltet. Von zivilisierter Politik wünscht man sich einen ähnlich "virtuosen" Umgang mit menschlichen Verhaltenseigenschaften - nur eben mit umgekehrtem Vorzeichen. Wesentliche Teile des bisherigen entsprechen aber haargenau dem gleichen Muster: Natürliches Vergeltungsstreben wird solidarisch und ohne allzu störende Rücksichtnahmen auf eine Vielzahl Betroffener mit rationaler Perfektion auf einen personifizierten Feind gelenkt. Geschulter Umgang mit Emotionen erweckt Bereitschaft zu schmerzlichen Opfern.
2.8 Überwindbarkeit angeborener Verhaltensmuster
Daß irrationale Impulse beherrscht und rationaler Kontrolle unterstellt werden können, zeigen nicht nur Selbstmordattentäter, Hungerstreikende und mutige Lebensretter sondern auch Minderheiten, die sich nicht von gruppenaggressiver Stimmung den Verstand vernebeln und von Mehrheiten einschüchtern lassen. Das zeigt auch eine Minderheit führender Köpfe, die vom ersten Anfang an auf Ursachen von Terrorismus verwiesen, Besonnenheit angemahnt und sich weitgehend aggressiv gefärbten Vokabulars enthalten hat.
2.9 Außenseiterreaktion und Demokratieverständnis
Von einer gruppenaggressiv gestimmten Mehrheit werden distanzierte, vernünftige wie auch einfach ungeschickte Äußerungen von Einzelpersonen oder Gruppierungen gar zu leicht als nicht duldbare Provokation empfunden und mit negativen Konsequenzen für diese zurückgewiesen. Aktuell wurden bereits einzelne Künstler, Lehrer, Pfarrer, Journalisten und eine Partei Opfer dieser Außenseiterreaktion. Zu einem kulturvollen Demokratieverständnis muß gehören, daß gerade in derart aufgeheizter Stimmungslage Minderheitsmeinungen gehört und ihre Träger geschützt werden. Damit wird auch Mißbrauch gegen Meinungsgegner vorgebeugt.
3. Konstruktive Vorschläge
3.1 Aus detaillierter Kenntnis des Verhaltensmusters Gruppenaggression und seiner Beziehung zu Irrationalität und Rationalität ergeben sich einige ganz prinzipielle Vernunftgrundsätze:
Seine Auswirkungen sind so kreuzgefährlich, daß ihm keinesfalls die Führung menschlichen Verhaltens überlassen werden sollte. Die aller wirksamste Strategie dagegen besteht darin, nicht erst eine Bedrohung selbst, sondern schon deren Ursache überhaupt zu vermeiden. Bei aktueller Bedrohung gilt es, eine "Masseninfektion" durch gruppenaggressive Stimmung auszuschließen. Dabei kommt Führungspersonen eine Schlüsselfunktion zu. Es sollte besonders abgesichert werden, daß vor allem sie nicht infiziert werden oder gar das Verhaltensmuster mißbrauchen können. Bei drohender gruppenaggressiver Stimmung, sollte gerade Außenseitermeinungen besondere öffentliche Beachtung und ihren Trägern Schutz eingeräumt werden. Detailierte Kenntnis des Verhaltensmusters, seiner Wirkungen und daraus resultierender Vernunftgrundsätze sollten zum Allgemeingut gemacht werden, um eine gegenseitige Kontrolle von Führern und Geführten zu ermöglichen.
3.2 Grundsätzlich meinen wir, daß ein kostspieliger Ausbau nationaler militärischer Gewaltpotentiale eine Fehlinvestition darstellt, die unsere Welt insgesamt unsicherer machen wird und anderen Möglichkeiten, die tatsächlich der Sicherheit dienen können, die nötigen Mittel entzieht.
3.3 Langfristig und ab sofort sollte global eine demokratische und gerechte Weltordnung durchgesetzt werden, die aufkeimendem Terrorismus von vornherein die Massenbasis entzieht. Das sollte eine großzügige, an international kontrollierte Demokratisierung und Absage an Terrorismus gebundene Entwicklungshilfe einschließen, die an den kulturellen Traditionen der unterentwickelten Länder anknüpft und ihnen nicht das westliche Kulturmodell aufzwingt. So kann sogar eine verläßliche Massenbasis gegen Terrorismus gewonnen werden.
3.4 Dazu können alle Bürger etwas tun, indem sie von ihren jeweiligen Regierungen auf der Weltbühne nicht nur die Vertretung ihrer Interessen sondern auch die Wahrnehmung ihrer Mitverantwortung für eine solche neue Weltordnung einfordern.
3.5 Zu der globalen Demokratisierung sollte unter UNO-Führung auch eine globale Rechtsordnung eingeführt werden, der sich alle Staaten gleichermaßen zu fügen haben.
3.6 In dieser Rechtsordnung sollte u.a. genau definiert werden, was unter Terrorismus zu verstehen ist. Wir schlagen vor, unter Terror jede Androhung oder Ausführung von Gewaltakten zu verstehen, durch die Menschen für unerwünschte Verhältnisse in Haftung genommen werden, an denen sie als Einzelpersonen unschuldig sind.
3.7 Diese Rechtsordnung sollte auch Regeln zur Bekämpfung und Ahndung von Terrorismus nach rechtsstaatlichen Grundsätzen enthalten, die solche militärischen Mittel, durch die Unschuldige mitbetroffen werden, ausschließen. Diese Regeln sollten auch ausschließen, daß eine einzelne betroffene Nation "federführend" gleichzeitig in der Rolle als Ermittler, Ankläger, Richter und Vollstrecker fungiert.
3.8 Sämtliche nationalen militärischen Potentiale sollten zu einem weltweiten gemeinsamen militärischen Sicherheitssystem integriert werden, das dieser Rechtsordnung unterstellt ist, keinem einzelnen Land kriegerische Angriffsfähigkeit verleiht sondern nur noch gemeinsam beschlossene Einsätze von polizeilichem Charakter erlaubt.
3.9 Bei der Gestaltung diesbezüglicher demokratischer Entscheidungsregeln sollte berücksichtigt werden, daß wegen der vernunfteinschränkenden Ansteckungswirkung der Gruppenaggression und der zu befürchtenden Außenseiterreaktion gegen eine kühler urteilende Minderheit eine besonders hohe Hürde für Mehrheitsentscheidungen gesetzt werden muß.
3.10 Mittelfristig und ab sofort sollte alles mit den genannten Regeln Verträgliche unternommen werden, um das bestehende diffuse Terroristen-Netzwerk systematisch zu beseitigen.
3.11 Kurzfristig sollte durch technische, rechtliche und organisatorische Mittel dafür gesorgt werden, alle vorhandenen, sowie mittel- und langfristig auch alle neu hinzukommenden Technologien gegen terroristischen Mißbrauch im Bereich des Möglichen weitestgehend abzusichern.
3.12 Durch eine allgemeine Bildungsoffensive sollte die Anfälligkeit der Öffentlichkeit für das beschriebene Verhaltensmuster "Gruppenaggression" herabgesetzt werden. Dazu können sehr schnell die Massenmedien beitragen. Lehrpläne aller geeigneten Bildungseinrichtungen sollten schnellstmöglich diese Thematik integrieren.
3.13 Außerordentliche Gefährlichkeit und weltpolitisches Gewicht des Verhaltensmusters Gruppenaggression sollten uns veranlassen, von Politikern in ranghöchsten Ämtern dessen fundierte Kenntnis und - schon vor einer Bewährungssituation - die Fähigkeit und Motivation zu verlangen, dieses Muster nicht zu bedienen.
3.14 Es sollten Möglichkeiten geschaffen werden, nicht nur Politiker, aber auch diese, für einen fahrlässigen Umgang mit dem Verhaltensmuster Gruppenaggression oder gar dessen eventuellen Mißbrauch haftbar zu machen. Auch dies sollte Bestandteil einer globalen Rechtsordnung werden. Dr. Hans-Volker Pürschel / Vors. WZFG e.V.
Literatur zu Gruppenaggression und Konformismus:
[1] Bernhard Hassenstein: "Zur Natur des Menschen: Innere Widersacher gegen Vernunft und Humanität?" Wissenschaft und Fortschritt 4/1991, S. 147-152 und 5/1991, S. 193-197
[2] Bernhard Verbeek: "Die Anthropologie der Umweltzerstörung. Die Evolution und der Schatten der Zukunft" Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994, insbes. S. 162, 188
[3] Hans-Volker Pürschel: "Verhaltensbiologische Grenzen menschheitlicher Überlebensfähigkeit. Teil I und II. Dokumentation zur 1. Bucher Zukunftswerkstatt" Berlin-Buch 1994
Literaturhinweise zur welthistorischen Schuld:
[4] Noam Chomsky: "Profit over People. Neoliberalismus und globale Weltordnung" Europa Verlag Hamburg Wien 2000
[5] Thomas W. Pogge: "Global Poverty: Explanation and Responsibilities" 5th Annual Charles T. & Louise H. Travers Conference on Ethics and Government Accountability: "Responsiblilty in the Global Age", Berkeley, 14.4.2001
Hintergrundinformation zum WZFG e.V.: Die "Werkstatt für Zukunfts-Forschung und Gestaltung (WZFG e.V.) Berlin-Buch" wurde nach einer fast dreißigjährigen Tradition gesellschaftskritischer und zukunftsorientierter Kulturarbeit auf dem heutigen Bucher Forschungscampus vor einem Jahr als gemeinnütziger Verein mit derzeit gut 20 Mitgliedern gegründet. Sie verfolgt ein Ganzheitskonzept zukunftstauglicher Gesellschaftsgestaltung, in dessen Mittelpunkt Erkenntnis und Beherrschung der "biologisch-kulturellen Koevolution des verhaltensregulierenden Gesamtsystems menschlicher Gesellschaft" steht - angefangen von angeborenen Verhaltensdispositionen bis hin zur weltgesellschaftlichen Systemebene. Aus einer langen Reihe von Vortragsveranstaltungen mit Experten unterschiedlichster Fachdisziplinen "Im Mittelpunkt der Mensch", aus bisher drei "Bucher Zukunftswerkstätten" und aus "Zukunftsgesprächen" sowie einzelnen "Sonntags-Vorlesungen im Rathaus Pankow" wurden bereits Erkenntnisse geschöpft, die unser Welt- und Menschenbild revolutionieren und Voraussetzung sind für die Bewältigung gegenwärtiger globaler Herausforderungen. Der Verein finanziert seine Aktivitäten aus Mitgliedsbeiträgen, Zuwendungen, steuerbegünstigten Spenden und aus der Beteiligung an einer Windenergieanlage, die aus nicht-steuerbegünstigten Spenden erworben wurde. Insbesondere diese an die Bundestagsabgeordneten gerichtete Informationsaktion wurde aus dem Verkauf zukunftstauglicher regenerativer Energie finanziert.
Eine Website wird in absehbarer Zeit unter www.zukunfts-werkstatt.org zu finden sein. E-mail: kontakt@zukunfts-werkstatt.org .