Ein gemeinwohlorientiertes Finanz- und Steuersystem für eine sozial und ökologisch nachhaltige globale Gesellschaft

Werkstatt für Zukunfts-Forschung und Gestaltung (WZFG) e.V.

Aufruf zu einer politischen Willensbekundung




Das Zusammentreffen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise mit global zunehmend drängenderen Problemen von Armut, sozialer Ungerechtigkeit, Umwelt­zerstörung und Klimawandel erfordert eine neue Qualität von Politik, die darin bestehen muss, sich von Deregulierung und Gewinnmaximierung als zentralen Steuerungskonzepten zu verabschieden und die genannten Probleme konsequent und im Zusammenhang anzugehen. Dafür legen wir ein interdisziplinäres Konzept vor, für das wir Sie um Aufmerk­samkeit, Ihre Unterschrift und ggf. Kommentare bitten. Wir werden das Ergebnis der Aktion an Politiker weiterleiten und über Reaktionen berichten.



Wir fordern,


1. neue Finanzierungsquellen zu erschließen, die weder sozial Benachteiligte noch Mittelstand zusätzlich belasten, sondern so gestaltet sind, dass vornehmlich die Gewinner der bisher unregulierten Globalisierung in die Pflicht genommen werden:

1.1 Temporäre Vermögenssteuer - vorrangig auf die größten Vermögen

1.2 Transaktionssteuer auf jeden Handel mit jeder Art Finanzprodukten

1.3 Mehrgeldsteuer auf die Ausgabe jeder Art von Finanzprodukten

1.4 Energiesteuer auf internationalen Transport

1.5 Terra-Tax auf internationalen Handel mit Waren und Dienst­leis­tun­gen,


2. die temporäre Vermögenssteuer national zur Tilgung durch die Finanzkrise aktuell verursachter öffentlicher Neuverschuldung zu verwenden, dafür keinesfalls Öffentliches Eigentum zu verkaufen und die Einnahmen aus 1.2-1.5 in einen internationalen Strukturfonds einzubringen zur Umstrukturierung der globalen Wirtschaft auf Standards sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit,

3. im Rahmen insbesondere von UN , G20 , EU und USA ein global abgestimmtes (harmonisier­tes) Finanz- und Besteuerungssystem auszuhandeln, das den Finanzsektor auf eine dienende Funktion für die Realwirtschaft zurückführt, parasitäre Spekulation eindämmt, Steuerflucht, Sozial- und Umweltdumping die Grundlage entzieht, so die Öffentlichen Haushalte entlastet und verlorenen Spielraum für Zukunftsgestaltung wiederherstellt.

4. einen Prozess zur Weiterentwicklung der ILO -Sozialstandards zu schaffen und mit dem Kyoto -Nachfolgeprozess für Umweltstandards zu verbinden – bei Vorrang der Energie- und Klimaproblematik und gerichtet auf gleiche pro-Kopf-Nutzungs­rechte für alle Ressourcen,

5. die Umwelt- und Sozialstandards sanktionierbar als Verfahrensstandards in der WTO zu verankern,

6. die nationale Einführung der Umwelt- und Sozialstandards nach dem Marshallplanprinzip unter WTO -Aufsicht aus dem internationalen Strukturfonds zu fördern,

7. den Finanzinstituten eine Maximalreserve vorzuschreiben und den Liquiditätsüberschuss der Realwirtschaft zugänglich zu machen, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen und weiteren Krisen vorzubeugen.

Einzelheiten, weitere Forderungen, Vorschläge und Begründungen in unserem ausführlichen Dokument. Sie können nach dem Lesen der Kurzfassung schon

hier

unterschreiben oder später nach dem Lesen der Langfassung.



Langfassung

I. Einleitung (können Eilige überspringen)

II. Allgemeine Qualitätsanforderungen an die Politik

III. Konkrete Forderungen und Vorschläge

II. und III. hier unterschreiben !

IV. Zugrundeliegende systemische Analyse

V. Literatur





I. Einleitung (kann von Eiligen übersprungen werden)



Wir sehen mit Besorgnis, dass die Entwicklung der Menschheit nach bisherigen Mustern beschleunigt, offenbar relativ gleichzeitig und damit problemverschärfend an drei verschiedene Grenzen stößt: Wir verbrauchen unwiederbringliche Kapazitäten unseres Lebensraumes Erde, kümmern uns zu wenig um Ersatz bzw. Kreisläufe und übernutzen die Regenerationsraten ersetzbarer Kapazitäten (ökologische Krise) [Meadows u.a.]. Wir produzieren und tolerieren dabei auf allen Skalen - global wie regional und lokal - ein inhumanes und sozialen Frieden gefährdendes sowie Kriegsgefahr heraufbeschwörendes Wohlsstandsgefälle (soziale Krise) [Creutz, Pogge, Fischbeck]. Wir lassen eine Finanzwirtschaft mit parasitären Eigenschaften zu, die die Realwirtschaft schädigt und den Spielraum der Öffentlichen Hände zur Lösung dieser Probleme extrem einschränkt (Finanzkrise) [Solte]. Soziale, ökologische und monetäre Krise sind dabei untereinander und mit antropologischen Voraussetzungen unseres „hochentwickelten“ Lebensstils ursächlich dermaßen verflochten (s. unsere Analyse IV, A3 ), dass nur eine langfristige komplexe Lösungs­strategie sinnvoll sein kann.

Wir sind uns bewusst, dass Politik zur Lösung dieses Problemkomplexes aus zwei Gründen ein „schwieriges Geschäft“ darstellt: Notwendiger Weise pragmatisch und entscheidungsorientiert handelnd und als Interessenvertreter gefordert, sitzen Politiker oft zwischen vielen und z.T. weit auseinander stehenden Stühlen. Und sie besitzen selten wesentlich tiefere Einsichten in komplexe Systemzusammenhänge als der gebildete „Durchschnittsbürger“. Die übliche Beratung durch spezialisierte Fachexperten kann ein eigenes integratives Welt-, Gesellschafts- und Menschbild nicht ersetzen. Analysen der gegenwärtigen komplexen Probleme müssen daher im öffentlichen Diskurs auf wissenschaftlicher Grundlage erarbeitet und Folgerungen daraus nach unterschiedlichen Interessen gesellschafts-verträglich ausbalanciert werden.

Die gegenwärtige Krisenpolitik der Regierungen besteht in schuldenfinanzierten Ausgabenprogrammen, Bürgschaften und staatlichen Beteiligungen an Unternehmen und lediglich verschärfter Kontrolle des Finanzsektors. Das entspricht im Wesentlichen einem Weiter-so-wie-bisher. Es gefährdet die dringend notwendigen Leistungen der Öffentlichen Hände für eine sozial und ökologisch nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und birgt die Gefahr einer Wiederholung derartiger Krisen.
Dabei hat die Krise deutlich gemacht, dass unregulierte Marktprozesse und kurzfristige Gewinnmaximierung nicht als zentrale Steuerungsinstrumente für eine sozial wie ökologisch nachhaltige Gesellschaft taugen.Wir fordern daher international abgestimmte Maßnahmen, die eine Gemeinwohlverpflichtung von Eigentum realisieren, den Finanzsektor wieder zum Dienstleistenden der Realwirtschaft machen und auf eine koordinierte Bewältigung der sozialen, ökologischen und monetären Krise abzielen. Unsere Forderungen an die Politik orientieren sich an der von allen Parteien vertretenen Zielsetzung einer sozialen ökologischen Marktwirtschaft, an dem systemischen Ansatz, der auf der Homepage des WZFG e.V. mit vielen Beiträgen begründet wird, und insbesondere an Arbeiten von Radermacher und Solte ( Global Marshall Plan Initiative ), Huber/Robertson und Lietaer sowie Scherhorn.

Wir möchten damit als systemtheoretisch interessierte und orientierte Gruppe von "mitdenkenden" Bürgern – zum großen Teil Wissenschaftlern - unseren Beitrag leisten, indem wir unsere vorläufige Analyse der globalen Problemlage vorstellen, die aus unserer gemeinwohlorientierten Sicht wichtigsten allgemeinen (Punkt II) und konkreten (Punkt III) politischen Forderungen daraus ableiten und durch eine Unterschriftenaktion einen Eindruck davon vermitteln, welche Unterstützung diese Überlegungen in einer interessierten und mitdenkenden Öffentlichkeit erfahren. Punkt IV enthält unsere Analyse, auf der – neben der von [Solte I und II] gegebenen -unsere Vorschläge und Forderungen basieren. Punkt V listet Literatur auf, die wir verwendet haben.


II. Allgemeine Qualitätsanforderungen an die Politik



Die komplexe globale soziale, ökologische und monetäre Krise erfordert eine neue moralische und wissenschaftliche Qualität von Politik:
Als Bürger der Bundesrepublik Deutschland verlangen wir von allen Volksvertretern, Politikern aller Parteien und politischen Amtsinhabern eine weitsichtige, ökologisch und sozial sowie ökonomisch und monetär nachhaltige Politik auf allen Ebenen, die sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen über Systemzusammenhänge sowie an anthropologischen Voraussetzungen orientiert und sich dabei weder durch Lobbyinteressen und/oder ideologisch fehlgeleitete Wissenschaft noch durch parteiisches Machtkalkül und kurzfristige Wahlkampfinteressen oder internationalen Druck beirren lässt.



III. Konkrete Forderungen und Vorschläge



Wir fordern,
1.1 für die Lösung der global anstehenden sozialen und ökologischen Probleme eine Reihe neuer Finanzierungsquellen zu erschließen, die weder die Öffentlichen Haushalte noch sozial benachteiligte Schichten einschließlich Mittelstand zusätzlich belasten, sondern vernehmlich die Gewinner der bisher unregulierten Globali­sierung in die Pflicht nehmen:


1.1.1 eine nur zeitweilige Besteuerung vorrangig der größten Vermögen, um die nationalen Folgen der aktuellen Krise zu bewältigen.


1.1.2 eine Security Transaction Tax ( Tobinsteuer auf Devi­sen­handel – erweitert auf alle Transaktionen jeder Art von Finanz­pro­dukten). Geschätz­tes Ertragspotential bei einer Abgabequote von 0,1%: 3000 Md $/a. Durch erwünschte spekulationsdämpfende Wirkung kann dieser Ertrag sinken.


1.1.3 eine Leverage Money Tax (einmalige Geld­schöp­fungs­steuer auf „Mehrgeld“, d.h. auf alle Arten von Finanz­produkten, die heute neben Zentralbankgeld praktisch als Zahlungsmittel verwendet werden). Bemessungsgrundlage ist dabei das geschöpfte Mehrgeldvolumen, auf das eine Basissteuerrate zu entrichten ist, die etwa der Inflationsrate entsprechen könnte. Tatsächlich gezahlt wird vom Emittenten des Mehrgeldes eine reziprok-risikogewichtete Rate, so dass finanzstarke Akteure, die als risikoarm gelten und deswegen am wenigsten Zinsen zu zahlen haben, am stärksten belastet werden.

Bei risikoabhängiger Besteuerung des Mehrgeldes mit Sätzen von 2,1...0,2% ergibt sich ein Steuervolumen 1% des Mehrgeld-Gesamtvolumens. Bei einem aktuellen Mehrgeldvolumen von 200 Billionen $ ist das geschätzte Ertragspotential 2000 Md $/a.


1.1.4 eine Umwelt entlastende Energiesteuer auf internationalen Trans­port, die gleichzeitig für den regionalen Transport faire Wettbewerbs­bedingungen herstellt. Ertragspotential bei 10...20% Besteuerung grob in der Größenordnung 10 Md $/a,


1.1.5 eine Terra-Tax (Abgabe auf internationalen Handel mit Gütern und Dienstleistungen, zu entrichten vom jeweiligen Importeur). Die Steuer trägt dem ungerechten Tatbestand Rechnung, dass in der Gesamtkette von Produktion bis zum Endverbraucher der Hauptverdienst bei den wohlhabenden Nationen liegt. Sie trägt zu Regionalisierung der Wirtschaft bei. Geschätztes Ertragspotential bei einer Abgabe von 0,1%: 200 Md $/a,

1.1.6 die Security Transaction Tax (1.1.2) lediglich als Teil I einer sehr langfristigen Doppelstrategie zur vollständigen Eindämmung gemein­wohlschädi­gender parasitärer Spekulation zu betrachten: Besteuerung macht Spekulation allgemein unrentabler, ohne sie zu beseitigen, und spannt sie wenigstens partiell ein für einen gesellschaftlich nützlichen Zweck. Als parasitäre Spekulation verstehen wir den Kauf und Wiederverkauf von Finanz- oder Sachwerten zum alleinigen Zweck, aufgrund erwarteter stimmungsbedingter Preisbewe­gungen leistungslos Gewinn zu machen. Als Teil II dieser Doppel­strategie schlagen wir vor, die Besteuerung für die Akteure langfristig abseh­bar bis zur Austrocknung para­sitärer Spe­ku­­lation hochzufahren (siehe dazu unsere Analyse im Abschnitt IV, A6).


1.2 ausschließliche Verwendung der nach 1.1.2 bis 1.1.5 gewonnenen Steuererträge zur Bildung eines internatio­nalen Strukturfonds mit dem Ziel, eine Umstrukturierung der globalen Wirtschaft auf Standards sozialer und ökologischer Nach­haltigkeit zu finanzieren,


1.3 globale Harmonisierung der Finanz- und Besteuerungsregeln im Rahmen einer neuen Weltfinanzarchitektur (um sozialverträgliche Besteuerungsregeln und Nachhaltigkeitsorientierung erweitertes Bretton-Woods -Abkommen), damit Vermeidung von Steuerflucht, Sozial- und Umweltdumping und in der Folge dessen finanzielle Stärkung der Öffentlichen Hände zur Einführung der genannten Standards bei sozial gerechter Lastenverteilung,


1.4 Weiterentwicklung ökologischer Standards insbesondere zur Energie- und Klimaproblematik im Rahmen des Kyotoprozesses und Verbindung mit einem zu installierenden analogen Prozess zur Weiterentwicklung von Sozialstandards der ILO (der Internationalen Arbeitsorganisation) unter Beachtung des pro-Kopf-Emmissionsrechts [Radermacher]),


1.5 Verankerung der weiterzuentwickelnden sozia­len und ökologischen Standards als sanktionsbewehrte Verfahrensstandards in der WTO (Welthandelsorganisation),


1.6 finanzielle Unterstützung (Kofinanzierung) zur nationalen Einfüh­rung der genannten Standards aus dem Internationalen Strukturfonds nach dem Marshall-Plan-Prinzip – gebunden an deren tatsächliche Einhaltung,


1.7 den Finanzinstituten per Gesetz eine Maximalreserve vor-zuschreiben und die überschüssige Liquidität über einen Liqui-ditätssicherungsfonds der Realwirtschaft zugänglich zu machen, um krisenbedingte Liquiditätsengpässe beseitigen zu können bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen [Solte II].



2. Bis auf 1.1.6 entsprechen diese Forderungen den in [Solte II] enthaltenen Vorschlägen. Darüber hinaus verlangen wir,


2.1 dass die Bundesregierung als Vorreiter Teile dieser komplexen Strategie (z.B. ökologische und soziale Standards, Mehrgeldsteuer, gerechte Lastenverteilung) zunächst für sich bzw. in Europa durchsetzt – auch wenn und soweit daraus noch verkraftbare Nachteile entstehen, die als Zukunftsinvestition zu betrachten sind – und dass sie die weltweite Einführung öffentlich propagiert und einfordert (s. unsere Analyse IV: zum Umgang mit dem Gefangenen-Dilemma , A12),


2.2 dass Staatsschulden generell nicht durch Verkauf von Öffentlichem Eigentum beglichen werden sondern dass zur Tilgung der aktuell krisenbedingten Staatsschulden Krisengewinnler und Vermögende herangezogen werden – am sinnvollsten durch eine speziell ausgestaltete Abgabe auf große Vermögen (temporäre Vermögens­steuer). Langfristig empfehlen wir eine aus Vermögenserträgen abbezahlbare Erbschaftssteuer (Solte II), um Akkumulation unangemessen hoher Vermögen zu begrenzen und keinen Veräußerungszwang auszuüben,


2.3 dass die persönliche Haftung von Finanz- und Wirtschaftsmanagern für gesellschaftliche Folgeschäden ihres Handelns gesetzlich festge­schrieben wird und staatsanwaltschaftliche Untersuchung nicht erst eines Antrags der Aufsichtsräte bedarf,


2.4 dass der Non-Profit- und Gemeinnützigkeitssektor, insbesondere in den Bereichen der Daseinsvorsorge, nicht verkürzt, sondern im Gegenteil ausgeweitet wird. Das sollte auch Banken betreffen, die traditionell dem Gemeinwohl verpflichtet sind.



3. Außerdem erwarten wir von allen politisch Verantwortlichen eine (unter Abkehr von neoliberaler Ideologie ) sachliche Prüfung und öffentliche Diskussion sowie ggf. Umsetzung folgender weiterer Optionen, künftigen systemischen Bankenkrisen zu begegnen oder sie überhaupt auszuschließen:

3.1 Unter den Wirtschaftsakteuren werden nach dem bewährten Vorbild des Schweizer WIR-Systems gegenseitige Kreditge-währungssysteme unterstützt, mit denen durch Bankenkrisen ve­rur­sachte Liquiditätsengpässe antizyklisch überbrückt werden können [Lietaer und Mitarbeiter].


3.2 Systemische Bankenkrisen der jetzigen Art werden ausgeschlossen, indem Geldschöpfung allein an parlamentarisch kon­trollierte, rechenschaftspflichtige aber nicht weisungsgebundene staatliche Zentralbanken übertragen und neugeschöpftes Geld schulden­frei durch öffentliche Ausgaben in Um­­lauf gebracht wird [Huber/Robertson].


3.3 Ersetzen des Dollars als Reservewährung durch eine geeignete internationale Gemeinschaftswährung, die von einer unabhängigen Weltzentralbank zu schöpfen wäre nach dem gleichen Prinzip wie unter 3.2.


3.4 Wir fordern, dass in Deutschland eine unabhängige, öffentlich finanzierte universitäre Zukunftsforschung installiert wird, die insbesondere Grundfragen eines gemeinwohlorientierten globalen Finanz- und Steuersystems für eine weltweite sozial und ökologisch nachhaltige Entwicklung untersucht und eine wissenschaftliche Begleitung entsprechender Entwicklungsprozesse vornimmt.

HIER UNTERSCHREIBEN für Punkt II. und Punkt III.


IV Systemische Analyse der Problemlage



(Diese vorläufige Analyse enthält über unsere daraus abgeleiteten aktuellen Forderungen hinaus Anregungen und Vorschläge, die weiter bedacht werden sollten und die wir hiermit zur Diskussion stellen. Die Analyse basiert u.a. auf der angeführten Literatur. Wir sind bereit, daran Korrekturen vorzunehmen, wenn dafür gute Gründe genannt werden.)

Inhaltsübersicht

A1 Öffentliche Hände – erpressbar und eingeschränkt handlungsfähig

A2 Ungerichteter Wachstumszwang und Beschleunigungskräfte

A3 Grenzen für Wachstum und Beschleunigung

A4 Anthropologische Voraussetzungen für Wirkungen von Geld

A5 Unkontrollierte Geldschöpfung - Abkopplung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft

A6 Instabilität und soziale Schäden durch spekulativen Handel

A7 Argumente für spekulativen Handel??

A8 Instabilität und soziale Schäden durch schuldenbasiertes Wirtschaften

A9 Ursachen schuldenbasierten Wirtschaftens

A10 Individuelle Schuld von Verantwortlichen für die Krise und die Notwendigkeit einer Neuorientierung aller Akteure.

A11 Fünf Gründe, weshalb die Finanzkrise eine weitreichende Chance darstellt

A12 Umgang mit sog. „Sachzwängen“

A13 Energiewende und Klimastabilisierung müssen absoluten Vorrang haben!

A14 Wir brauchen eine „Kultur des Rück- und Umbaus“

A15 Die Gemeinwohlverpflichtung von Eigentum
muss strukturell verankert werden


A16 Vorleben und Export nachhaltigen Lebensstiles



A1 Öffentliche Hände – erpressbar und eingeschränkt handlungsfähig

Durch neoliberale Ideologie motivierte Deregulierung, Privatisierung, Duldung nationaler wie globaler Regelungs-Defizite und - Inkonsistenzen im Interesse international agierender kapitalstarker Wirtschafts- und Finanzakteure haben sich die Öffentlichen Hände der meisten Staaten in eine Schuldenfalle manövriert, sich durch diese Akteure erpressbar gemacht und ihres gestalterischen Handlungsspielraums für eine sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung weitgehend beraubt.


A2 Ungerichteter Wachstumszwang und Beschleunigungskräfte

Einer solchen nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung stehen ein ideologisch untermauerter und systemisch bedingter ungerichteter Wachstumszwang und Beschleunigungskräfte entgegen. Von Wachstumsideologie müssen wir uns in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft verabschieden, müssen die Natur dieser Zwänge analysieren, sie beherrschbar machen und durch geeignete Maßnahmen auf ein zukunftstaugliches Maß eindämmen.


A3 Grenzen für Wachstum und Beschleunigung

Die Grenzen für ökonomisches Wachstum sind durch die Grenzen unseres Lebensraumes Erde gegeben [Meadows u.a.]. Grenzen für die Beschleunigung gesellschaftlicher Entwicklungen ergeben sich aus anthropologischen Voraus-setzungen sowie aus ökonomischen Zusammenhängen. Genauso wie die Wachstumsgrenzen und - damit zusammenhängend - können Beschleunigungs-grenzen nicht ohne gesellschaftliche Schäden ignoriert werden.
Da Menschen in frühen individuellen Entwicklungsphasen lebenslang wirksam auf die gerade bestehenden Umstände geprägt werden [Verbeek] und Umlernen zwar begrenzt möglich, aber weniger effektiv und belastend ist, sind sie überfordert, wenn sie in ihrem Leben mehrmals komplett umlernen oder ihre Lebensverhältnisse wegen geforderter Flexibilität ständig umgestalten müssen. Überforderung beeinträchtigt Gesundheit sowie Leistungs- und Reproduktionsfähigkeit (biologische Beschleunigungsgrenze).
Zu schnelle Folge von Innovationen ist wirtschaftsschädigend, wenn Neues das Vorherige verdängt, ehe dieses sich amortisieren konnte (ökonomische Beschleunigungsgrenze [Solte]).


A4 Anthropologische Voraussetzungen für Wirkungen von Geld

- Weil einerseits in sog. „hochentwickelten Gesellschaften“ praktisch jedes angeborene, angeprägte oder angelernte Bedürfnis durch Einsatz von Geld befriedigt werden kann – Geld also ein universelles Mittel zur Bedürfnisbefriedigung ist [Hass],
- weil menschliches Streben nach Rang, Ansehen, Macht, biologisch nachgewiesen, keine natürliche Grenze kennt [Eibl-Eibesfeldt] und Geld - wie jedes begehrte und knappe Gut [Umbach] - ein begehrtes und überdies universelles Machtmittel darstellt und
- weil andererseits Menschen aufgrund unserer evolutionären Herkunft zu einem eher eingeschränkten zeitlichen und sozialen Horizont neigen [Voland],
- und weil die kulturelle Entwicklung bisher weitgehend dem blinden Einfluss dieser Neigungen überlassen wurde,
ist das individuelle Streben nach Geld zu einer der durchsetzungsstärksten Motivationen geworden, hinter der soziale und ökologische Motivationen sowie solche zu nachhaltigem Wirtschaften im Interesse der Allgemeinheit nur allzu leicht zurück gestellt werden.
Geld wirkt somit heute als weitestgehend werteblindes Selektionskriterium für gesellschaftliche Evolution – verantwortlich für die oben diskutierte Ungerichtetheit des Wachstumszwanges: Was privaten Akteuren kurzfristig viel Geld bringt wird gemacht. Was der Allgemeinheit langfristig dient, aber den Akteuren wenig bringt, wird unterlassen. Das muss nicht so bleiben – geeignete Entwicklungsstrategien vorausgesetzt.
Eine Strategie, die zur Bewältigung unserer derzeitigen globalen Herausforderungen auf reine, privater Initiative überlassene Selbstregulation setzt, ist aus anthropologischen und systemtheoretischen Gründen von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Gefordert sind klug gesetzte Spielregeln und Rahmenbedingungen - nicht nur im Finanzbereich - deren unmittelbare und fernere Wirkungen soweit als möglich durchdacht sind, und die im Verein mit allgemeinmenschlichen Verhaltenseigen­schaften möglichst selbstorganisatorische Wirkungen zur Lösung unserer globalen Probleme entfalten. Es geht daher keinesfalls um einen alles regulierenden oder planenden Staat, sondern um ein gesellschaftliches Design, das Menschen dazu bringt, möglichst aus eigenem Antrieb „das Richtige“ zu tun [Rieck].
Das Richtige ist u.a. auch eine Rückorientierung auf die Werte Anstand, Solidarität und Nachhaltigkeit [Umbach], die in den letzten zwei Jahrzehnten unter dem Angriff von Marktradikalität und kurzfristiger Gewinnmaximierung viel von ihrer Wirkung auf menschliches Verhalten eingebüßt haben.
Das richtige spieltheoretische Mechanismusdesign vorausgesetzt, muss man Menschen diese Werte von Anstand und Moral nicht „predigen“ – sie verhalten sich wegen der gesetzten Spielregeln und Rahmenbedingungen von sich aus anständig und moralisch, weil sie sich damit selber am besten nützen. Das erwünschte Verhalten muss – sofern das möglich ist - im Sinne der Spieltheorie zur Nashgleichgewichts -Strategie oder besser noch zur dominanten Strategie gemacht werden [Rieck].


A5 Unkontrollierte Geldschöpfung -
Abkopplung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft


Neben den für 160 Währungen zuständigen Zentralbanken und 14.000 Geschäftsbanken gibt es heute weltweit etwa 45.000 Emittenten, die mit ca. 9 Millionen Varianten von Schuldverschreibungen (einschließlich Aktien) Geldschöpfung betreiben, die nicht durch erbrachte Leistung abgedeckt ist. Die so erzeugten Vermögensansprüche aus allen diesen geschöpften Geldern und Geldsurrogaten belaufen sich derzeit auf das mehr als 4-fache des weltweiten Bruttoinlandsprodukts und auf mehr als das 50-fache des in der Realwirtschaft umlaufenden Zentralbankgeldes - mit beschleunigt steigender Tendenz [Sollte I]. Würden alle diese Ansprüche in der Realwirtschaft geltend gemacht, gäbe es eine gigantische Inflation . Nationale Zentralbanken und Staaten haben im globalen Finanzmarkt längst Kontrolle und Einflussmöglichkeiten auf dieses System verloren [Huber/Robertson]. Einschneidende Regulation ist als Mindestforderung dringend erforderlich.


A6 Instabilität und soziale Schäden durch spekulativen Handel
Zwischen “normalem“ und spekulativem Handel gibt es einen bedeutenden systemischen Unterschied [Wagenknecht]. Unter „spekulativem Handel“ verstehen wir hier Kauf und Verkauf allein zum Zweck, aus steigenden oder sinkenden Preisen Gewinn zu ziehen, ohne dass für diesen Gewinn eine realwirtschaftliche Leistung erbracht wird.

Beim normalen Handel sind Nachfrage und Preis durch eine stabilisierende sog. negative Rückkopplung miteinander verknüpft: Steigende Preise dämpfen die Nachfrage, was wiederum die Preise drückt, sie also stabilisiert.

Beim so definierten spekulativen Handel mit Gütern, Leistungen, Aktien oder reinen Finanzwerten verlocken demgegenüber steigende Preise oder Kurse zu erhöhter Nachfrage - mit Folge weiterer Preis- und Kurssteigerungen. Drohen Preise oder Kurse zu sinken, wird schnell mit Gewinn verkauft, der Markt wird überschwemmt: Im Fall befindliche Preise oder Kurse fallen weiter. Sie unterliegen einer instabilen positiven Rückkopplung . Es kommt spontan zu immer wiederkehrenden eigendynamischen Auf- und Abschwüngen – zu sog. „Blasen“, die nach gewisser Zeit regelmäßig „platzen“ [Wagenknecht]. Sie spiegeln keine realwirtschaftlichen Wertveränderungen wider sondern allein die psychologischen Stimmungs­schwankungen der Spekulanten und schlagen aber negativ auf die Realwirtschaft zurück.

Außer dass diese Art von Spekulation Instabilität produziert, hat sie noch andere gesellschaftsschädigende Wirkungen:

Spekulation verursacht unsoziale Vermögensumverteilung: Was die einen beim Wetten auf steigende oder sinkende Preise/Kurse (also beim Spekulieren) „verdienen“, verlieren andere. Dabei gibt es nicht etwa eine ausgleichende Gerechtigkeit. Spieltheoretische und soziodynamische Experimente weisen nach, was auch anschaulich zu vermuten ist [Buchanan]: In einer „Wettspielgesellschaft“ sind Chancen und Risiken ungleich verteilt. Vermögendere können Verluste leichter wegstecken, höhere Gewinnchancen und bessere Informationsquellen nutzen als weniger Vermögende. Bei ihnen sammelt sich Vermögen an.

Spekulation hebelt das Leistungsprinzip aus: Wer nur mit ein paar Mausklicks am Computer sein Geld „verdient“, tut zwar auch etwas, erbringt damit aber selber für niemanden eine realwirtschaftliche Leistung und eignet sich Geld an, das von anderen erwirtschaftet wurde, das ihm also nicht gehört. Er tut damit nichts anderes als ein Bankräuber.

Spekulation kann riesige Bevölkerungsgruppen oder ganze Volkswirtschaften schädigen: z.B. wenn auf steigende Nahrungsmittel- oder Ölpreise spekuliert wird und die Preise damit künstlich in die Höhe getrieben werden.

Mit anderen Allokationsmechanismen teilt Spekulation aus anthropologischen Gründen (s.o.) die fragwürdige Eigenschaft, dass erspekuliertes Kapital wahrscheinlicher nach dem Grundsatz maximaler Rendite statt nach gesamtgesellschaftlicher Nützlichkeit eingesetzt wird - z.B. zu wiederholter Spekulation.

Der spekulative Finanzsektor muss aus diesen Gründen über weite Bereiche als parasitäres Teilsystem ohne ausreichende gesellschaftlich nützliche Funktion eingestuft werden. Das Vermögende extrem bevorteilende Prinzip, ohne eigene produktive Leistung Geld aus dem realwirtschaftlichen Kreislauf abzuziehen und ohne demokratische Mitsprache für beliebige Zwecke einzusetzen, sollte grundsätzlich in Frage gestellt werden.


A7 Argumente für spekulativen Handel??

Trotz der eindeutigen Parallele spekulativen Handels mit Bankraub werden immer wieder Argumente für diese Art von Spekulation ins Feld geführt:

Der Spekulant hat doch (das wollen wir zu seinen Gunsten voraussetzen) Geld mit realwirtschaftlicher Leistung ehrlich erworben und darf es also wieder investieren. - Legitimiert der ehrliche Erwerb eines Schweißgerätes dazu, damit einen Banktresor aufzuschweißen?

Der Spekulant investiert doch erspekuliertes Kapital (wieder wollen wir das zu seinen Gunsten voraussetzen) in ein gesellschaftlich nützliches Unternehmen. – Legitimiert es einen Bankraub, wenn die Beute zur Gründung einer gutbürgerlichen Existenz verwendet wird?

Der Spekulant nutzt doch lediglich eine real bestehende Möglichkeit. – Ist es legitim, einen Bankschalter auszurauben, weil die Bank mehr als das Handgeld in der Kasse gelassen hat, statt es im Tresor sicherzustellen?


A8 Instabilität und soziale Schäden durch schuldenbasiertes Wirtschaften

Mehr noch als die kurzfristigen Spekulationszyklen gefährdet eine permanente Schuldenbasierung von Wertschöpfung und Konsum die Stabilität der Wirtschaft: Der weltweiten Menge an Zentralbankgeld - dem alleinigen gesetzlichen Zahlungsmittel - steht das über 50-fache an „verbrieften Geldansprüchen“ gegenüber, die in den Händen der einen Vermögenswerte darstellen, für die anderen aber Schulden sind, wobei die weltweite Summe aller dieser Schulden das globale Bruttosozialprodukt (die Wertschöpfung eines Jahres) um das Vierfache übersteigt [Solte I].

Das ist eine extrem instabile Situation, wenn die Bereitschaft, bloße Geldansprüche als Vermögenswerte zu halten, sinkt. Das erleben wir eben gerade dramatisch.

Die Folge ist ein Run Vermögender auf Zentralbankgeld und reale Sachwerte, bei denen sich zu diesem Zweck Liquidität sammelt, die sie der realen Wirtschaft zu deren Finanzierung vorenthalten und die den so von ihnen veranlassten drohenden Ruin wirtschaftlicher Akteure vor allem auch des Mittelstandes nutzen, um wirtschaftliche Sachwerte „preisgünstig“ in ihre Verfügungsgewalt zu bringen [Solte I]. Die Gesellschaft droht auseinander zu fallen – was in einer ähnlichen Situation vor 80 Jahren zu Radikalisierung, Faschismus und verheerendem Krieg geführt hat.

Die Staaten fühlen sich zu Rettungsaktionen verleitet, bei denen sie weitere (Kredit-) Gelder in das System „pumpen“, die sie wiederum nur durch Aufnahme exorbitanter neuer Staatsschulden bei den Krisenverursachern erlangen können – mit absehbaren Inflationsgefahren und absehbar auf Kosten notwendiger Investitionen in nachhaltige soziale und ökologische Zukunftsprojekte (Bildung, Gesundheit, regenerative Energien, saubere Technologien).

Gelingen solche Zukunftsinvestitionen nicht – und zwar in globaler Dimension - dann drohen viel schwerwiegendere Krisen und Konflikte als die gegenwärtigen. Dazu nur wenige Zahlen [Solte I]: Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten verbrauchen heute die sehr grob gerechnet 1 Milliarde Wohlhabenden, zu denen sich die Deutschen zählen müssen, allein bereits einen ganzen Planeten („ ökologischer Fußabdruck “). 2050 werden 10 Millarden in einer globalisierten Welt vehement einen vergleichbaren Wohlstand einfordern, und niemand wird zurückstecken wollen. Das bedeutet eine gigantische hochkomplexe Herausforderung, für deren Bewältigung jetzt die Weichen gestellt werden müssen: Im Finanzsystem müssen die strukturellen Ursachen für Instabilitäten analysiert, benannt und beseitigt, mindestens aber in ihren Auswirkungen deutlich begrenzt werden. Die Realwirtschaft muss auf eine zukunftstaugliche energetische Basis gestellt und mit 10-fach effizienten ökologisch verträglichen Technologien ausgerüstet werden, um das 10-fache an Waren und Dienstleistungen zu erzeugen. Der zukünftige Energiemix muss dabei ideologiefrei unter Nachhaltigkeits- und Sicherheitsgesichtspunkten diskutiert werden. Durch breite Bildung u.a. soziale Maßnahmen muss dafür das wissenschaftlich-technische Potenzial geschaffen werden. Die Öffentlichen Hände müssen über finanzielle Mittel verfügen, die dafür nötig sind. Durch einen teilweisen Schuldenerlass, Sondersteuern auf große Vermögen und eine Neuorientierung des Steuersystems in Richtung Entlastung der Einkommen aus abhängiger Beschäftigung und des selbständigen Mittelstandes und stärkerer Heranziehung von Umweltbelastungen, Verbrauch fossiler Energieträger und unproduktivem Vermögen müssen diese Mittel aufgebracht werden [Umbach].


A9 Ursachen schuldenbasierten Wirtschaftens

Es gibt dafür drei Ursachenkomplexe [Sollte I]:
Konkurrenz der Finanz-, Steuer- und Sozialsysteme der Staaten um Wertschöpfung durch Finanz- und Wirtschaftsakteure, die ihre verschiedenen Aktivitäten dorthin verlegen, wo die gesetzlichen Rahmenbedingungen den größten Profit (nicht den größten gesellschaftlichen Nutzen) versprechen und die dabei zynisch und trickreich Unterschiede und Lücken bestehender Regelungen ausnutzen.
Die deregulierten Spielregeln der Finanzwelt lassen beinahe unbegrenzte Geldschöpfung ohne erbrachte Leistung zu - verstärkt durch das Prinzip „gehebelter Investitionen“ und die Möglichkeit spekulativer Gewinne (s.o.).
Risiken konnten in „innovativen“ Finanzprodukten versteckt und so ausgelagert werden.
Konjunktur , Gewinne und Steuereinnahmen wuchsen „auf Pump“ und „auf Risiko“.


A10 Individuelle Schuld von Verantwortlichen für die Krise und die
Notwendigkeit einer Neuorientierung aller Akteure.


Aus einer sehr distanzierten wissenschaftlichen Sicht sind die eingangs beschriebenen, global bedrohlichen Tendenzen (ökologische, soziale und Finanz-Krise) Ergebnis zwar durch bewusstes menschliches Handeln realisierter, trotzdem weitgehend „blinder evolutionärer Prozesse“. Sie haben eine eigendynamisch wirkende gesellschaftliche Funktionsstruktur erzeugt, aus der alle Akteure offenbar nur schwer wieder aussteigen können. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass aus ethisch-moralischer Sicht die Frage nach individueller Schuld gegenstandslos und ein Ausstieg unmöglich wäre.
Es soll hier nicht untersucht werden, inwieweit individuelle moralische oder strafrechtlich relevante Schuld für den Ausbruch der aktuellen Krise ursächlich war. Das würde von der Aufgabe ablenken, mit einem systemischen, ganzheitlichen Ansatz Wege aus der Krise und zu ihrer künftigen Vermeidung aufzuzeigen und möglichst alle gesellschaftlichen Kräfte dafür zu gewinnen.
Wir haben heute zunehmend die Möglichkeit, Funktionsweise und Ergebnis komplex verflochtener positiv und negativ rückgekoppelter Prozesse wissenschaftlich zu analysieren, dies nach humanistischen Grundsätzen zu bewerten, nach Gestaltungsmöglichkeiten und besseren Lösungen zu suchen.
Wer als verantwortlicher Entscheidungsträger (politischer Amtsträger, Parlamentarier , Wirtschaftsmanager) sich heute solches Wissen nicht aneignet, es möglicherweise der Öffentlichkeit vorenthält oder vor diesem Hintergrund Entscheidungen trifft, die zugunsten einer eng begrenzten Klientel ohne angemessenen Ausgleich Nachteile für die Allgemeinheit billigend in Kauf nimmt, lädt sich damit neue Schuld auf.


A11 Fünf Gründe, weshalb die Finanzkrise aktuell
eine über sie weit hinausreichende Chance darstellt


Die Finanzkrise und ihr Übergreifen auf die Realwirtschaft haben weltweit viele Menschen – auch Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft – wachgerüttelt.
Viele Unternehmen sehen sich zu einer Neuorientierung gezwungen – beste Gelegenheit für Manager, Arbeitnehmer, Staat und Gesellschaft, diese in Eigeninitiative auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit auszurichten und öffentliche Unterstützung von einer solchen Ausrichtung abhängig zu machen.
Es gibt gangbare Wege, die Finanzkrise zusammen mit der sozialen und ökologischen Krise anzugehen, wie in unseren konkreten Vorschlägen und Forderungen deutlich wird.
Bereits getroffene internationale Absprachen über soziale und ökologische Standards und vorhandene Institutionen bieten gute Voraussetzungen für eine Realisierung – es ist wenig grundsätzlich Neues erforderlich.
Die USA als einer der stärksten internationalen Mitspieler erstreben eine Neuorientierung, nachdem sie lange Zeit als Bremser gewirkt haben.


A12 Umgang mit sog. „Sachzwängen“ ( Gefangen-Dilemma )

Viele Entscheidungssituationen in Politik und Wirtschaft – gewiss auch die jetzige - haben Eigenschaften des sog. Gefangenen-Dilemmas : Nur gemeinsam kann eine alle befriedigende Lösung realisiert werden. Wer allein das Richtige tut kann leicht übervorteilt werden.

Wegen eines solchen „Sachzwanges“ unterbleiben häufig durchaus mögliche Schritte in die richtige Richtung. Jeder redet sich mit Hinweis auf die anderen heraus.

Dabei kann im Umgang von Staaten miteinander eine Doppelstrategie helfen: Statt wegen befürchteter Nachteile auf eine Vorreiterrolle zu verzichten und das Falsche oder nichts zu tun, wird wenigsten teilweise im Alleingang das Richtige getan und es werden gerade noch erträgliche Nachteile bzw. Kosten dafür als Zukunftsinvestition in Kauf genommen. Man geht in Vorleistung und erzeugt damit in der internationalen Öffentlichkeit moralischen Druck. Gleichzeitig wird den Partnerstaaten und in der eigenen Öffentlichkeit immer wieder kommuniziert, dass man jederzeit bereit ist, sofort zur gemeinsamen richtigen Lösung überzugehen. Es muss allen permanent im Bewusstsein bleiben, dass es sich um eine Zwischenlösung handelt. So wird das gerade Bestmögliche erreicht in dem Sinne, dass der Weg zum Optimum offen gehalten und wahrscheinlicher gemacht wird.

Voraussetzung für eine derartige internationale Vorreiterrolle ist Unterstützung in der nationalen Öffentlichkeit, die allerdings nur zu erhalten ist, wenn die Kosten eines anfänglichen nationalen Alleingangs fair verteilt werden - d.h., die dringlichsten sozialen Probleme im Innern müssen gelöst sein.

Wir beziehen unsere Diskussion einer Doppelstrategie auf Überlegungen von [Radermacher], gehen aber in zwei Punkten darüber hinaus: Während Radermacher - grob gesagt - empfiehlt, um Alleingangskosten zu sparen, das Falsche zu tun und das Richtige zu kommunizieren, empfehlen wir, Alleingangskosten als Zukunftsinvestition zu tragen, damit das richtige Vorbild zu geben und in permanenter öffentlicher Kommunikation auf Meinungsdruck wie Vorbildwirkung zu setzen (beides sind psychologische Komponenten, die in der rationalen Spieltheorie, die offenbar weitgehend Radermachers Ansatz zugrunde liegt, nicht vorkommen).


A13 Energiewende und Klimastabilisierung müssen absoluten Vorrang haben!

Wir verbrauchen in erdgeschichtlichen Zeiträumen entstandene Energiereserven unwiederbringlich innerhalb eines winzigen historischen Zeitraums. Energie­durchfluss ist die physikalisch unumgängliche Existenzvoraussetzung gesellschaftlicher Strukturen, hinter der alle anderen Voraussetzungen objektiv nachrangig sind [Hass]. Jede gesell­schaftliche Umstrukturierung erfordert Energie. Wir müssen die beschleunigt schwindenden Energieressourcen nutzen, um eine vollständig regenerative Energieversorgung aufzubauen, solange die Reserven dazu noch ausreichen. Das duldet keinen Aufschub!

Wir erzeugen eine über natürliche Vorgänge hinausgehende Klimaerwärmung, die durch einsetzende positive Rückkopplungseffekte unserer Kontrolle zu entgleiten droht [Flessa; Lenton u.a.; Selbach]. Sowohl ökonomische Anpassung an nicht mehr verhinderbare Klimaänderungen und mehr noch eventuelle Notmaßnahmen zur Verhinderung eigendynamischer Klimaaufheizung nach zu befürchtender Über­schreiten eines tipping points werden enormen Energieaufwand erfordern und das o.g. Energieproblem extrem verschärfen. Dem muss durch sofortiges Handeln vorgebeugt werden. Auch die Klimastabilisierung duldet keinen Aufschub!



A14 Wir brauchen eine „Kultur des Rück- und Umbaus“

Der zügige Rück- und Umbau als überholt erkannter gesellschaftlicher Strukturen ist eine zunehmend gehäuft auftretende Herausforderung, der unsere politisch-ökonomischen Systeme offenbar bisher wenig gewachsen sind. Sie betrifft nicht nur das Energieversorgungs-System, sondern auch die gesamte Wirtschaft, die auf Energie- und Ressourceneffizienz sowie Kreisläufe umgestellt werden muss. Ein bedeutender Engpass dabei ist u.a. die Mehrheitsbeschaffung - insbesondere bei allen direkt wie indirekt Betroffenen. Ihnen darf nicht einfach die Existenzgrundlage entzogen werden. Es muss ihnen eine attraktive Alternative geboten werden, weil sie andernfalls als Bremser wirken. Bestes Beispiel dafür ist der Widerstand, den in der Rüstungsindustrie Beschäftigte unterstützenswerten Versuchen entgegensetzen, diesen Sektor zurückzufahren. Ein verschuldeter und erpressbarer Staat, dessen Akteure überdies im Wahlentakt ausgewechselt werden, dürfte zu großzügigen Regelungen kaum in der Lage sein. Es bedarf politischer Innovationen, die längerfristige Programme zuverlässig absichern können. Es werden Massenmedien gebraucht, die auch zunächst unbequeme und komplexe Botschaften in die Öffentlichkeit transportieren und solche Wandlungsprozesse unterstützen.


A15 Die Gemeinwohlverpflichtung von Eigentum
muss strukturell verankert werden


Aus jetziger Sicht privater Unternehmenseigner gelten Arbeit, Steuern und Sozialaufwendungen in deren Bilanz als Kostenfaktoren, die den Verkaufserlös schmälern und die sie demzufolge zu minimieren trachten. Da aber ein Unternehmen nur in Kooperation von unternehmerischem Engagement, bezahlter Arbeit und staatlich bereitgestellten Leistungen gelingen kann, wäre es vernünftiger, die Bilanz jedes Unternehmens aus der Perspektive dieser Kooperation zu betrachten. Löhne wie auch Steuern müssten dann nicht auf der Kostenseite eines Unternehmens sondern zusammen mit dem Unternehmensgewinn als gemeinsame Einnahmen verbucht und den Kosten für Fremdkapital, Material und Vorleistungen gegenüber gestellt werden [Scherhorn]. Das wäre zunächst nur eine buchungstechnische Veränderung.

Synergieeffekte von Kooperation sind weder allein mit rein egoistischer Nutzenmaximierung noch mit extremem Altruismus , also vollständigem Verzicht auf Egoismen zu erreichen. An diese Tatsache sind wir im Verlauf der biologisch-kulturellen Koevolution biologisch angepasst: Wir sind von Natur aus auf sog. gemischte Strategien ausgelegt [Mohr].

Diese beiden Aspekte können in Verbindung gebracht werden:

Indem für große privatwirtschaftliche Unternehmen Quoten für Mitarbeiterbeteiligungen (nicht Manager-Beteiligungen) und Staatsbe­teiligungen festgelegt werden, kann die Neigung zu gemischten Strategien ausgenutzt werden, um die im Grundgesetz lediglich geforderte Gemeinwohlverpflichtung von Eigentum in Spielregeln strukturell zu verankern. Die Haupteigner sichern dabei ihre Profitinteressen, die Mitarbeiter ihre sozialen und der Staat die ökologischen Interessen der Allgemeinheit. Es besteht eine permanente Herausforderung zur Kooperation. Das Mischungsverhältnis kann zweckentsprechend austariert werden, um den Synergieeffekt zu optimieren.



A16 Vorleben und Export von nachhaltigem Lebensstil

Es zeigt sich eine deutliche Tendenz der hochentwickelten Länder, mit ihren überholten, nicht nachhaltigen Technologien in aufholenden Ländern Geld zu machen und damit unseren verschwenderischen Lebensstil dorthin zu exportieren und ihn für längere Zeit dort strukturell zu verankern. Damit würden wir uns ebenso schaden wie mit einer Tendenz, bei uns entwickelte nachhaltige Technologien zu exportieren, ohne sie bei uns selbst hinreichend in der Breite einzuführen.

Wir sollten bei uns soweit als möglich einen sozial und ökologisch nachhaltigen attraktiven Lebensstil entwickeln und vorleben und auch die Frage zulassen, ob denn eine weltweite Monokultur von Lebensstilen, auf den die derzeitige Entwicklung langfristig hinauszulaufen scheint, überhaupt sinnvoll ist.

V. Literaturangaben



Stefan Brunnhuber:
„Finanzsystem und Nachhaltigkeit.
Der neue Bericht an den Club of Rome.“
Im Druck - s. link zu pdf dokument

Helmut Creutz:
„ Das Geldsyndrom. Wege zu einer krisensicheren Marktwirtschaft.“
Ullstein, Berlin, 1997

Caspar Dohmen:
„Lets’s make MONEY.
Was macht die Bank mit unserem Geld?“
orange-press, Freiburg, 2008

Irenäus Eibl-Eibesfeldt:
„Die Biologie des menschlichen Verhaltens.
Grundriss der Humanethologie“
Piper Verlag, München, 1995

Hans-Jürgen Fischbeck:
„Globaler Wandel - struktureller Umbruch?“
WZFG e.V. Resümee zur Vorlesung:
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Heiner Flessa et al.:
„Landscape controls of CH4 fluxes in a catchment of the forest tundra ecotone in northern Siberia“
Global Change Biology 2008, 14: 2040-2056
Kurze Pressemitteilung dazu: Marietta Fuhrmann-Koch:
„Klimaerwärmung führt zu massiven Emissionen von Treibhausgasen in Nordsibirien“
link

Hans Hass:
„Energon. Das verborgene Gemeinsame.“
Verlag Fritz Molden, Wien-Müchen-Zürich, 1970
(WZFG e.V. Resümee zur Vorlesung von Andreas Hantsch: „Energontheorie: Konkurrenz um Energie als allgemeines Lebensprinzip?“
s. link zu pdf dokument)

Joseph Huber:
„Reform der Geldschöpfung.
Wiederherstellung des staatlichen Geldregals und der Seignorage durch Vollgeld.“
Der Hallesche Graureiher 2004-5
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Joseph Huber, James Robertson:
Geldschöpfung in öffentlicher Hand.
Weg zu einer gerechten Geldordnung im Informationszeitalter.
Gauke GmbH Verlag für Sozialökonomie, Kiel 2008

Timothy M. Lenton, Hermann Held, Elmar Kriegler, Jim W. Hall, Wolfgang Lucht, Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber: „Tipping elements in the Earth’s climate system“
link zu pdf dokument
Kurze Zusammenfassung dazu: Christian / Klimawandel Global:
link

Bernard Lietaer, Robert Ulanowicz, Sally Goerner:
„Wege zur Bewältigung systemischer Bankenkrisen.
Wissenschaftliche Arbeit für die World Academy of Arts and Sciences (WAAS) Hyderabad, Indien.“
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Donella Meadows, Jorgen Randers und Dennis Meadows:
„Grenzen des Wachstums - Das 30-Jahre-Update:
Signal zum Kurswechsel“
Hirzel, Stuttgart, 2006

Hans Mohr:
„Wissen und Demokratie“
Rombach Verlag, Freiburg i. ./Berlin, 2006
(dazu auch WZFG e.V. Vorlesungsresümee s.
link zu pdf dokument)


Thomas W. Pogge:
"Global Poverty: Explanation and Responsibilities"
5th Annual Charles T. & Louise H. Travers Conference on Ethics and Government Accountability: "Responsiblilty in the Global Age", Berkeley, 14.4.2001
link zu dokument
(WZFG e.V. Ausarbeitung dazu s. link zu pdf dokument)

Christian Rieck:
link

Gerhard Scherhorn:
„Geld soll dienen, nicht herrschen.
Die aufhaltsame Expansion des Finanzkapitals.“
Picus Verlag, Wien, 2008

Christoph Selbach:
„Die Beschreibung von Wolken in Klimamodellen mit Schwerpunkt
Rückkopplungsprozesse und Modellevaluation“
Institut für Geophysik und Meteorologie, Köln, Literaturseminar 2007
link zu pdf dokument

Dirk Solte:
„Weltfinanzsystem am Limit.
Einblicke in den ‚Heiligen Gral’ der Globalisierung.“
Terra Media Verlag, Berlin, 2007

Dirk Solte:
„Weltfinanzsystem In Balance.“
Terra Media Verlag, Berlin, 2009

Eberhard Umbach:
„Freiheit, Wissen, Macht und Geld.
Eine Systemanalyse der Modernen Gesellschaft
mit dem Ziel Soziale Ökologische Marktwirtschaft.“
MEDU Verlag, Dreieich bei Frankfurt/M., 2008

Bernhard Verbeek:
„Die Anthropologie der Umweltzerstörung.
Die Evolution und der Schatten der Zukunft.“
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1998

Eckart Voland:
„Öko-Ethik – zwischen Illusion und Pragmatismus“
WZFG e.V. Vorlesung vom 16.5.2003
Resümee s. link zu pdf dokument


Sahra Wagenknecht:
„Wahnsinn mit Methode.
Finanzcrash und Weltwirtschaft.“
Das Neue Berlin, Berlin, 2008






























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Die letzten 10 von 49 Unterzeichnern


08.01.10: Wolfgang Merk, Büro für Historische Dienstleistungen, Biberach an der Riss, Deutschland (Kommentar)
26.12.09: Wolfgang Strutz, Erfolgs- und Persönlichkeitstrainer, Berlin, Deutschland (Kommentar)
13.12.09: Ingrid Conde, Gesangslehrerin, Düsseldorf, Deutschland
03.12.09: Marius Augustin, Angestellter, Poing, Deutschland
27.11.09: Helmut Krause, Rechtsanwalt & Fachanwalt für Arbeitsrecht, Puchheim bei München, Deutschland (Kommentar)
19.11.09: Dipl.-Ing. Dr. Wolfgang Neef, wiss. Ang., Rentner, Berlin, Deutschland (Kommentar)
18.11.09: Alexander Fast, Berlin, Deutschland
15.11.09: Dr. rer. nat. Philipp Sonntag, Physiker, Schriftsteller, Berlin, Deutschland (Kommentar)
15.11.09: Kathrin Raubach, Diplom- Psychologin, Hypnotherapeutin, Berlin, Deutschland
07.11.09: Dipl.-Ing. Andreas Sameiske, Angermünde, Deutschland (Kommentar)

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