Kommentar zu „Die Biologie des Geldes“

Von Bertram Köhler

 

Zu akzeptieren ist:

Lebewesen werden von Genen generiert und Unternehmen von Monen. Alles was daraus folgt ist verständlich dargelegt. Aber es gibt auch Widersprüche.

 

Kritik:

 Mone sind zwar Replikatoren, und zwar spezielle Meme, aber keine Form des Geldes. Geld kann nicht Replikator sein, denn ein Replikator muss Information enthalten. Geld hat aber nur eine Eigenschaft, seine Menge. Geld kann zwar verschiedene Formen annehmen, aber die verschiedenen Formen können nicht miteinander konkurrieren, sondern müssen sich jederzeit ineinander umwandeln können. Geld har also nicht die drei wesentlichen Eigenschaften von Replikatoren.

 

Meine Ansicht:

Die Replikatortheorie der Mone ist eine interessante Erweiterung und Präzisierung der in meinem Frankfurter Vortrag dargelegten Idee der Hypermeme

Mone sind eine spezielle Art von Replikatoren, die wie Meme funktionieren, aber speziell auf die Vermehrung von Geld gerichtet sind. Sie sind aber keine spezielle Form von Geld oder Kapital. Sie spielen bereits in der Energontheorie für Energone die Rolle von Genen, diese Theorie scheint der Verfasser aber nicht zu kennen.

 

Fragwürdiges:

Die  Ableitung der Produzentenrente (S.120) berücksichtigt nur Anbieter, deren Produktionskapazitäten voll ausgelastet sind. Die Auslastung hängt aber von der Nachfragemenge ab. Bei normalerweise nicht ausgelasteten Produktionskapazitäten sinkt der angebotene Preis mit steigenden Warenabsatz wegen sinkender Produktionskosten. Das  Wirtschaftsmodell mit „psychologischer“ Preisbildung ist nur bei handwerklicher Einzelfertigung sinnvoll, aber nicht bei kapitalistischer Massenfertigung. Insofern sind die Aussagen des Buches z.T. richtig und zum Teil falsch und sehr mit Vorsicht zu genießen.

Bei im Kapitalismus typischer Massenproduktion sinken die Herstellungskosten mit zunehmender Produktionsmenge zunächst stark und dann immer langsamer ab. Daraus resultiert anstelle einer ansteigenden eine abfallende Angebotskurve, die die Nachfragekurve zunächst von oben nach unten und dann von unten nach oben schneidet. Zwischen den beiden Schnittpunkten liegt der Bereich der absetzbaren  Warenmenge. Der Gleichgewichts-Marktpreis liegt aber nicht im rechten Schnittpunkt beider Kurven, denn links davon steigt die Profitrate und trotz abnehmender Warenmenge auch der Profit des Anbieters bis zu einem Maximum. Der Warenproduzent versucht durch Begrenzung der angebotenen Warenmenge den Maximalprofit zu erzielen und vereinnahmt die gesamte Differenz zwischen Marktpreis und Produktionskosten, sodass keine „Konsumentenrente“ übrigbleibt.

Anders funktioniert der Finanzmarkt. Dort ist der Unternehmer der „Nachfrager“ nach Kredit und der Preis die an den Investor zu zahlende Rendite. Der Unternehmer wird um so mehr Kredit aufnehmen, je niedriger die geforderte Rendite ist  Die Nachfragekurve ist damit wie beim Warenmarkt eine sinkende. Die vom Investor geforderte Rendite hängt  aber nicht primär vom Kreditvolumen ab sondern vom Risiko. Er wird deshalb große Kreditvolumen nur bei hoher Renditeerwartung anbieten, weil das Absatzrisiko am Warenmarkt wächst. Hier liegen die Verhältnisse eher so, dass der Investor seine Renditeerwartungen an die Gewinnerwartungen des Unternehmers anpassen muss, der bei hohem Kreditvolumen höhere Gewinne erzielen und höhere Renditen zahlen könnte.  Es könnte hier tatsächlich zu einer Aufteilung der insgesamt zu erreichenden Gewinne zwischen Unternehmer und Investor kommen, also in „Konsumentenrente“ des Unternehmers und „Produzentenrente“ des Investors.

 

Der Zusammenhang der wissenschaftlich-technischen und technologischen Evolution als Grundlage für Produktivitätssteigerungen in Wirtschaftsunternehmen und deren Evolution wird überhaupt nicht thematisiert. Der eigentliche Replikator für die Wirtschaft ist aber die Produktivität der Unternehmen.

 

Das Problem der Börsenkurse wurde zwar aufgeworfen, aber nicht zu Ende diskutiert. Der Nahrungsbedarf werde vorrangig gedeckt und sei der Bezugspunkt. Ab einem Kurs von 0,5 für Kleidung beginnt A mit der Kleiderproduktion, kann aber den Gesamtbedarf nicht decken, weil B und C Nahrung produzieren und C Überschuss hat und z.B. 100% mehr Kleidung kauft. Der Kurs steigt deshalb bis auf 0,67. Hier kann C noch 50% mehr K kaufen, aber B fehlen die Mittel und muss seinen Bedarf um 33% reduzieren. Damit wären Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht, aber B hat nur 1,67 statt 2 K und C hat 1,33 statt 1 K. Bezogen auf die Kosten verhalten sich Produktivität und Lebensstandard von A, B und C wie 2,3:1,5:1. Ohne Austausch wäre ihr Lebensstandard im Verhältnis 3:2:1, im Kommunismus aber 2,8:2:1, wenn man für Kleidung den gleichen Tauschwert ansetzt. Noch deutlicher wird der Effekt des Austauschs, wenn man den erreichten Lebensstandard in Nahrungseinheiten ausdrückt:

Lebensstandard

A

B

C

Ohne Austausch

4,17

2,67

1,33

Marktwirtschaft

4,67

3,00

2,00

Kommunismus

4,67

3,33

1,67

 

 

 

Prinzipiell fragwürdig halte ich den Umgang des Verfassers mit dem Gödelschen  Unvollständigkeitssatz (S.200) und den daraus in den Kapiteln 15 bis 17 abgeleiteten Schlussfolgerungen. Die Fassung des Satzes:

 „Jedes formale System, das a) zum Ausdruck bringt, dass es unendlich viele Zahlen gibt, b) von einer endlichen Anzahl von Axiomen ausgeht, c) rein formal konstruiert ist und d) widerspruchsfrei ist, enthält Aussagen, die in dem System formuliert, aber in ihm weder bewiesen noch widerlegt werden können.“

 halte ich für richtig, dann aber schreibt er:Weniger exakt, aber verständlicher , heißt das:

In jedem hinreichend mächtigen Axiomensystem gibt es objektiv wahre Aussagen, die sich im Rahmen des gegebenen Systems formulieren lassen und deshalb im Prinzip herleitbar sein sollen, tatsächlich aber in diesem Axiomensystem nicht hergeleitet werden können.“

Wenn das  weniger exakt ist, dann kann es in bestimmten Situationen auch falsch sein, denn „nicht herleiten können“ besagt etwas ganz anderes als „nicht widerlegen können“. Eine falsche Aussage kann nicht hergeleitet werden, aber oft wohl widerlegt werden. Eine widerlegte Aussage kann nicht hergeleitet werden, daraus folgt aber nicht, dass eine nicht widerlegbare Aussage nicht hergeleitet werden kann. Alle lediglich auf Analogieschlüssen beruhenden Erweiterungen des Gödelsatzes, z.B. auf die Molekularbiologie auf Seite 221 und  auf die Ökonomie auf Seite 299, beziehen sich aber auf diese nicht exakte Fassung des Satzes und sind daher anzuzweifeln. Außerdem kann ein logisch richtiger Sachverhalt nicht unbedingt auch in die Realität übertragen werden. Das würde voraussetzen, dass man den philosophischen Platonismus als richtig anerkennt. Wenn man das nicht tut, hält man die Realität für mächtiger als die Mathematik und muss die Gültigkeit solcher grundlegender Sätze in der Realität nachweisen. Das tut der Verfasser aber nicht.

Der angebliche Gödel-Satz der Ökonomie (S.299) kann doch wohl nur bedeuten, dass aus der unendlichen Vielfalt aller herstellbaren Waren nur endlich viele wirklich hergestellt werden, es also immer eine Ware gibt, die nicht hergestellt wird. Ob diese hergestellt werden kann, ist eine ganz andere Frage.  Daraus ist aber nicht ableitbar, wie auf Seite 301 zu lesen:

 „Wenn die Produktion von einem Gut aus einem geheimnisvollen Grund trotz wiederholter Bemühungen scheitert, können wir zu Recht annehmen, dass die betrachtete Ware in der gegebenen Gesellschaft ein Gödel-Gut ist.“

Aus der richtigen Fassung des Gödel-Satzes könnte man höchstens folgern, dass es Waren geben muss, deren Herstellbarkeit im Rahmen des gegebenen Systems logisch weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Wenn eine Ware nicht hergestellt werden kann, dann ist sie aus technischen oder ökonomischen Gründen nicht herstellbar, aber nicht, weil sie ein „Gödel-Gut“ ist.