Kurzbericht von Bertram
Köhler über den Vortrag von Prof. Reichholf am 30.5.2008
Der Begriff der Evolution wird häufig in einem eingeschränkten Sinne verwendet und nur auf den von Darwin beschriebenen Prozess der Entstehung der Arten der Lebewesen durch Anpassung an die Umwelt bezogen. In zunehmendem Maße versteht man darunter aber einen allgemeinen Prozess, der die Entwicklung des Universums, der Materie und des Geistes, der Entstehung neuer Formen und Eigenschaften der Materie beschreibt und erklärt. In diesem Sinne unterscheidet man kosmische und chemische Evolution, die biologische, technische und die soziale Evolution.
In dieser Allgemeinheit ist
Evolution ein Prozess, der dem allgemeinen Zerstreuungsprozess des Universums
entgegenwirkt, der durch den 2.Hauptsatz der Thermodynamik charakterisiert ist.
Die Evolution ist ein Information speichernder und vermehrender Prozess, der
ständig neue Strukturen und Eigenschaften hervorbringt. Ein wesentliches
Anliegen der wissenschaftlichen Forschung ist es dabei, den Prozess der
Schaffung des Neuen aufzuklären und zu entscheiden, ob Geist von Anfang an
vorhanden war und ein ständiger Begleiter des Evolutionsprozesses ist oder ob
Geist als Produkt der materiellen Evolution erst im Zuge dieses Prozesses
entstanden ist. Evolution muss kein Lebensprozess sein und die schöpferische
Entstehung von Neuem kann auch außerhalb von Leben möglich sein (Präbiologische
Biogenese). Der Vortragende wollte sich aber bei der Darstellung dieser
Schöpfungsprobleme auf den Darwinschen Prozess beschränken, zu dessen
Aufklärung er eigene Beiträge geliefert hat.
Die Entdeckung der DNA als Träger der Information aller vererbbaren Eigenschaften der Lebewesen und die Aufklärung der Strukturen der DNA bestätigte unzweifelhaft die biologische Einheitlichkeit aller Lebewesen und das auseinander Hervorgehen aller Arten von Lebewesen durch Mutation der Gene. Die Mutationsraten sind messbar geworden und damit erhielt man klare Vorstellungen über die erforderlichen Zeiträume, innerhalb denen sich vorteilhafte Veränderungen der Eigenschaften der Lebewesen entwickeln konnten. Die gradualistische Veränderung und Anpassung einer Art an bestimmte Umweltbedingungen erfordert über Jahrmillionen konstant gehaltene Umweltbedingungen, bis sich die genetischen Einzelvariationen durch Selektion stabilisieren konnten. Bleibt die Umwelt nicht genügend lange konstant, so kommt es zu einer Aufspaltung (Radiation) in viele verschiedene Arten. Die Herausbildung einer neuen Art, eine sog. Makroevolution, war nur möglich, wenn jeder Einzelschritt sofort solche Verbesserungen erbrachte, an denen die Selektion ansetzen konnte. Dies nachzuweisen, gelang der Evolutionstheorie in vielen Einzelfällen zunächst nicht, was immer wieder den Gegnern der Evolutionstheorie Ansatzpunkte für deren Ablehnung lieferte. Der Nachweis selektionswirksamer Zwischenschritte solcher Makroevolutionen ist deshalb eine wichtige Stütze der Evolutionstheorie insgesamt. Das Verdienst des Vortragenden ist es, solche Zwischenschritte für den Fall der (Makro-)Evolution der Vögel aus den Reptilien gefunden zu haben.
Nach dem Fund des fossilen
Archaeopteryx als Zwischenglied der Evolution von den Reptilien zu den Vögeln
stellte sich die Frage, welche selektionswirksamen Zwischenschritte bis zur
Flugfähigkeit der Vögel anzunehmen wären. Es wurde bald herausgefunden, dass
die Schuppen der Reptilien sich leicht zu den Vogelfedern entwickeln konnten,
da sie aus dem gleichen Material bestanden (Keratin, ein schwefelhaltiger
elastischer Eiweißstoff). Aus der Reptilienschuppe konnte sich aber unmöglich in
einem Schritt eine unsymmetrische flugfähige Vogelfeder mit ihrer vielfältigen
Feinstruktur entwickelt haben, aber welche Zwischenschritte hätten denkbare
Selektionsvorteile bringen können? Man dachte zunächst, dass die Vergrößerung
der Schuppen den Reptilien immer weitere Sprünge und Gleitflüge von Bäumen
ermöglicht hätten, fand aber keine Gründe, warum diese auf Bäume klettern
sollten. Auch für eine Vergrößerung der Laufgeschwindigkeiten bis zum Abheben
gab es keine Gründe, denn die damaligen Reptilien ernährten sich nur von
Insekten und die kann man nicht durch Erhöhung der Laufgeschwindigkeit besser
fangen.
Prof. Reichholf fand
folgende Lösung: Das schwefelhaltige Keratin ist bei den Reptilien ein
Abfallprodukt, mit dem der giftige Schwefel aus dem Körper entfernt wird, da
Reptilien schwefelhaltige Stoffe nicht wie andere Tiere über die Exkremente
entsorgen können. Die ständige Bildung eines Panzers und die regelmäßige
Häutung bei den Reptilien geht durch Vergrößerung der Schuppen in die Bildung
von Federn und die regelmäßige Mauserung bei den Vögeln über. Die Vergrößerung
der Schuppen und das Wachstum der Federn verbesserte die Entsorgung der
Giftstoffe und ermöglichte damit eine Steigerung der Stoffwechselrate,
verbunden mit einer allgemeinen Steigerung der Leistungsfähigkeit aller
Körperfunktionen. Wie jüngste Fossilienfunde zeigen, begann die Evolution der
Feder bereits bei den Dinosauriern. Damit waren die Voraussetzungen gegeben,
dass die schrittweise Vergrößerung von Schuppen und Federn unmittelbar positiv
selektiert werden konnte. Die mögliche Steigerung der Leistungsfähigkeit hat
bei den Vögeln auch zur Herausbildung einer 5 bis 10 fach leistungsfähigeren
Lunge geführt, so dass Vögel die bezogen auf das Körpergewicht
leistungsfähigsten Tiere werden konnten.
Für die Evolution der Vögel war die Verbesserung des Stoffwechsels wichtiger als die Anpassung an die Umwelt. Das legt die Schlussfolgerung nahe, dass die Vielfalt der Lebewesen nicht durch die Umwelt, sondern durch die zufällige Spezifik innerer Stoffwechsel- und Lebensprozesse bedingt ist und die Umwelt nur zu einer Feineinstellung durch Anpassung beiträgt. Die Bedeutung der Umwelt für die Steuerung der Evolution ist bisher wahrscheinlich überschätzt worden. Vielmehr emanzipiert sich der Gang der Evolution zunehmend von den Einflüssen der Umwelt. Dies zeigt sich im weiteren auch in der Entwicklung von Geist und Bewusstsein.
Die Vergrößerung der Masse
des Gehirns war eine entscheidende Voraussetzung für die Entstehung des
Denkens. Die relative Größenzunahme des Gehirns im Verhältnis zum Körpergewicht
setzte genau zu dem Zeitpunkt ein, in dem sich die Stammlinie des Menschen von
jener der höheren Affen trennte. Das Gehirn ist das kostspieligste Organ des
Menschen. Es besteht aus hochwertigen Proteinen, Triphosphaten und Fettsäuren
und verbraucht bei nur 5% der Körpermasse 20% des Energiebedarf des Menschen.
Das wirft die Frage auf, wozu das Gehirn unbedingt gebraucht wurde und warum
das Wachstum seiner Masse von der Selektion gefördert wurde. Man nimmt heute
an, dass der Vormensch die Großwildherden der afrikanischen Steppen verfolgte
und jagte und sich hauptsächlich von deren Fleisch und Knochenmark ernährte.
Dies lieferte einerseits die Baustoffe des Gehirns, erforderte aber
andererseits zur Verfolgung der Tausende Kilometer entsprechend den Regenzeiten
hin- und herziehenden Herden eine Steigerung der Leistungsfähigkeit seines
Körpers und seines Gehirns. In der Anfangsphase wurden die auf den Wanderungen
gesammelten Bilder zur Navigation als topografische Strukturen im Gehirn
gespeichert. Das erzwang das Wachstum des Gehirns und konnte Schritt für
Schritt seine Leistungsfähigkeit vergrößern und wurde deshalb schrittweise
positiv selektiert. Fossile Funde belegen, das sich die Sprache
(Kehlkopfentwicklung) erst zu dem Zeitpunkt entwickelte, zu dem die Größe des
Gehirns bereits die des modernen Menschen erreicht hatte. Mit der Entwicklung
der Sprache konnte das im Gehirn topografisch gespeicherte Wissen durch Begriffsbildung zusammengefasst und
komprimierter gespeichert werden, wodurch bereits vorhandene Kapazität frei
wurde und für Denkvorgänge eingesetzt werden konnte. Damit verlagerte sich der
Schwerpunkt der weiteren Evolution von der durch Gene getragenen biologischen
Evolution zu einer durch Meme getragenen geistigen und kulturellen Evolution.
Dies bedeutet einerseits eine gewaltige Beschleunigung der Evolution durch die
mögliche horizontale Verbreitung von Neuerungen, andererseits aber eine weitere
Emanzipation von den durch die Umwelt vorgegebenen Bedingungen. Damit wurde der
Weg frei zur Entwicklung von Technik und zur Evolution einer künstlichen
Intelligenz.